Adjuvans

neue Adjuvantien

Die Schutzimpfung zählt wohl zu den wirksamsten und wichtigsten Präventivmaßnahmen in der heutigen Medizin. Doch um den Impferfolg zu erreichen, gibt es einige Hindernisse. In der heutigen Gesellschaft kommen immer mehr "Anforderungen" für die Impfstoffentwickler hinzu.

Der Impfstoff selbst sollte gut verträglich (geringes Nebenwirkungsspektrum) und dabei einfach zu handhaben (Lagerung, Applikation) sein. Außerdem sollte er möglichst sicherer zu einem Impferfolg (hohe Responderrate) führen und einen langfristigen Schutz erzielen.

Doch zu diesen Eigenschaften kommen seit Jahren weitere "Anforderungen" hinzu. Neben der Entwicklung neuer Impfstoffe gegen komplexere Erreger soll ein moderner Impfstoff auch diese Eigenschaften haben:

  • Für Säuglinge und ältere Menschen geeignet (Unterschiede im Immunsystem, z.B. unterschiedl. Grippeimpfstoffe)
  • Impfung von chronisch Kranken oder Immunsupprimierten möglich
  • Kreuzprotektion gegenüber nicht im Impfstoff enthaltenen Antigenen (z.B. hum. Papillomaviren)
    Bei einer hohen Erregervielfalt könnte man nie alle Subtypen in einen Impfstoff "packen". Durch eine Kreuzprotektion wird aber eine Immunität auch gegen diese „ungeimpften“ Subtypen erreicht.
  • Einsparung von Impfungen zur Immunisierung
    Bei einer zunehmenden Zahl von Impfstoffen, auch in den Impfempfehlungen, ist es sinnvoll, die Zahl der nötigen Einzelimpfungen in einer Grundimmunisierung zu reduzieren.
  • Einsparung von Impfstoff (Antigen pro Impfung)
    Durch die Einsparung von nötigem Antigen pro Impfstoffdosis kann man entsprechend mehr Dosen herstellen. In Szenarien, in denen ein Impfstoff knapp werden könnte, ist dies ein Vorteil (z.B. Pandemie).

Große Fortschritte in all diesen Bereichen brachte die Einbeziehung von Adjuvantien (lat.: adjuvare = helfen). Schon lange werden diese Hilfsstoffe (z.B. Aluminiumhydroxidverbindungen) in Impfstoffen verwendet. Aber insbesondere in den letzten Jahren findet auch hier eine rasante Entwicklung statt. Nicht nur die Antigene eines Impfstoffes, auch die Adjuvantien verbessern sich.

Leider gerieten hierzulande diese neueren Adjuvantien, insbesondere durch den "Schweinegrippeimpfstoff" (Pandemrix®) in Verruf. Populistische Pressemeldungen ohne medizinischen Hintergrund führten zu diesem schlechten Ruf. Sicherlich kann im Bezug auf Langzeiterfahrung zu diesen "neuen" Adjuvantien noch keinerlei Aussage getroffen werden, da sie noch nicht entsprechend lange verfügbar sind und dementsprechend keine Daten vorliegen. Doch der Nutzen der Impfungen (z.B. HPV), die Verhinderung von Erkrankungen und möglicherweise Tod stehen der Skepsis oder der Scheu vor Neuerungen gegenüber.

Inzwischen wurden die Impfstoffe weltweit unzählige Male verabreicht. Der Umfang an Nebenwirkungen gegenüber der Wirkung unterscheidet sich wohl kaum von anderen "gebräuchlichen" Impfungen mit herkömmlichen Adjuvantien. In der Zukunft werden wohl neue, moderne Impfstoffe nicht mehr ohne diese "neuen" Adjuvantien auskommen.

 

Beispiele für "neue" Adjuvantien

AS03 (Adjuvant System 03, GlaxoSmithKline)
Das AS03 (Öl-Wasser-Emulsion: Squalen, Vitamin E, Polysorbat 80) verstärkt die Immunreaktion durch eine Beeinflussung von Zytokinen, Monozyten und Makrophagen. Nach Injektion löst AS03 in Nachbarschaft zum Antigen des Impfstoffes eine vermehrte Reaktion durch besagte Beeinflussung aus. Es kommt zu einer verbesserten Antigenpräsentation und Anregung der B- und T-Zell-Aktivität. Dies erfolgt schließlich unabhängig vom AS03. AS03 bildet kein Depot an der Injektionsstelle, sondern wird schließlich rasch abtransportiert.

AS03 erzeugt neben einem immunologischen Gedächtnis auch eine Kreuzprotektion. Aus diesem Grunde wurde AS03 als Adjuvans im Influenza-Pandemieimpfstoff zugelassen.

MF59 (Novartis)
MF59 (Öl-Wasser-Emulsion: Squalen, Polysorbat 80, Sorbitan-Trioleat 85) lockt immunkompetente Zellen verstärkt an die Impfstelle. Mediatoren der Immunreaktion werden vermehrt freigesetzt, die wiederum zur Einwanderung weiterer Immunzellen beitragen. Im Schluss wird das Impfantigen effizienter aufgenommen und zu den Lymphknoten transportiert.

Insbesondere bei Personen über 65 Jahre (immunschwächere Generation), wo Standardimpfstoffe nicht optimal ansprechen, soll MF59 einen besseren Schutz generieren. In Studien konnte dies beim saisonalen Grippeimpfstoff (neben einem besseren Effekt bzgl. Antigendrift) gezeigt werden. Hier erfolgte auch eine Zulassung (z.B. Fluad®).

AS04 (Adjuvant System 04, GlaxoSmithKline)
Das AS04 (Öl-Wasser-Emulsion: Aluminiumhydroxyd, Monophosphoryl Lipid A =MPL®) induziert eine rasche Ausschüttung von Zytokinen und Chemokinen. Über den TLR4-Rezeptor kommt es zu einer Beeinflussung der antigenpräsentierenden Zellen. Auch hier wird eine Kreuzprotektion erreicht. In einer vergleichenden Studie (HPV-Impfung mit klassischem Aluminiumsalz vs. Impfung mit AS04) zeigt sich, dass nicht nur höhere und länger persistierende Antikörperspiegel gegen HPV 16 und HPV 18 induziert werden. Auch wurde eine als robuster beschriebene Antwort des Immungedächtnisses mit einer konstant höheren Anzahl von HPV-16/18-spezifischen Memory-B-Zellen beschrieben.

 

Squalen klassischer Hilfsstoff für Emulsionen, Vorläufer in der Cholesterin- und Steroidsynthese;
wird beim Menschen in Haut oder Leber synthetisiert; für Adjuvantien vom Hai gewonnen
Vitamin E
(DL-alpha-Tocopherol)
Antioxidans, deaktiviert freie Radikale, immunstimulierende Eigenschaften
Polysorbat 80 grenzflächenaktive Substanz, stabilisiert die Emulsion;
wird auch eingesetzt für Speiseeis (Lebensmittelindustrie) oder Augentropfen, Nasenspray oder Injektionslösungen (Pharmaindustrie)

Monophosphoryl Lipid A (MPL®)

modifiziertes Lipopolysaccharid des gram-negativen Bakteriums Salmonella Minnesota (3-O-Desacryl-4-Monophosphoryl Lipid A), welches als TLR4-Agonist (Toll-Like Rezeptor) fungiert.
Sorbitan-Trileat Sorbit dient als Trägerstoff bzw. Süßungs- oder Feuchthaltemittel in vielen industriell hergestellten Lebensmitteln
Virosomen Phospholipid-Kügelchen, die Oberflächenproteine eines Influenzavirus enthalten