Kontraindikationen

Ich soll mich impfen lassen? — Das geht doch nicht! Ich habe Schnupfen, da müssen wir die Impfung verschieben. Ich habe Neurodermitis, da kann man nicht impfen! Ich habe eine Immunschwäche, da ist das verboten! Ich hatte Fieberkrämpfe als Kind, das ist mir zu gefährlich...

Sicherlich ließen sich noch viele Beispiele aus dem täglichen Leben aufzählen, doch allen gemein ist, dass sie so nicht haltbar sind. Im Grunde gibt es für Impfstoffe (bis auf einige Ausnahmen) nur wenige harte Kontraindikationen:

  • Allergie gegen Impfstoffbestandteile
    (z.B. Hühnereiweißallergie - vgl. auch Nebenwirkung - Allergie - Hühnereiweißallergie, Stellungnahme RKI)
  • Komplikationen bei vorausgegangener entsprechende Impfung
  • akute behandlungsbedürftige Erkrankungen (mit Fieber ≥ 38,5°C) — Eine Impfung ist in der Regel 2 Wochen nach Genesung wieder möglich.
Hypo-/Desensibilisierung: Hier solle ggf. vor einer geplanten Therapie der Impfstatus überprüft und entsprechend der Impfempfehlung komplettiert werden. Des Weiteren sollte allgemein ein möglichst großer Abstand zu der Allergenapplikation erfolgen. Evtl. muss mit vermehrten Nebenwirkungen gerechnet werden. (Herstellerempfehlungen beachten, ggf. Rücksprache mit behandelndem Allergologen)

Totimpfstoffe

Für Totimpfstoffe gibt es im Grunde keine weiteren harten Kontraindikationen. Es werden relative Kontraindikationen benannt (Impfung nach Nutzen-Risiko-Abwägung möglich):

  • Schwangerschaft
    Vorzugsweise sollte eine Impfung im 2.-3. Trimenon erfolgen. Bei gesundheitlicher Gefährdung ist aber auch eine Impfung im 1. Trimenon möglich.
    Diese Empfehlung begründet sich nicht in einer erhöhten Gefahr, sondern in einer natürlichen erhöhten Abortrate im 1. Trimenon. Man möchte unnötige Diskussionen über mögliche Zusammenhänge mit einer erfolgten Impfung vermeiden.
    Hierzu sind die entsprechenden Angaben des Impfstoffherstellers und die Empfehlungen des Robert Koch Institutes (vgl. Epidemiologische Bulletins - Epi 34/2013 S.322) heranzuziehen.
  • perioperativ (aus juristischen Gründen)

Lebendimpfstoffe

Hingegen erweitert sich für Lebendimpfstoffe (z.B. Mumps, Masern, Röteln, Varizellen, Gelbfieber, Rotavirus, Typhus oral,...) die Liste von absoluten Kontraindikationen:

zeitliche Einschränkung

Des Weiteren muss bei der Gabe von (mehreren) Impfungen auch eine mögliche zeitliche Einschränkung der Impfstoffgabe beachtet werden. So können mehrere Impfstoffe in der Regel am gleichen Tage gegeben werden. Bei Totimpfstoffen ist eine weitere Gabe eines Impfstoffes zu jeder Zeit möglich. Bei mehreren Lebendimpfstoffen müssen mindestens 4 Wochen Abstand zwischen den einzelnen Impfungen eingehalten werden (vgl. aktive/passive Immunisierung - Impfabstände).

Auch bei Gabe von passiven Immunisierungen oder Vollbluttransfusionen muss bei einer Impfstoffgabe auf ein Zeitintervall bis zur Gabe geachtet werden. Dies ist aber nicht in Nebenwirkungen begründet, sondern in einem möglicherweise verminderten Ansprechen der Impfung. Durch die passive Immunisierung oder auch die Blutgabe können auch Antikörper gegen den Impfstoff in den Körper gelangen. Diese geliehenen Antikörper "fangen" den Impfstoff sozusagen ab, ohne dass eine "eigene" Immunität entsteht. Die Impfung ist wirkungslos. Es wird ein Abstand von mindestens 3 Monaten empfohlen.

Kontraindikationen einer Impfung

Man unterscheidet bei den Kontraindikationen gegenüber einer Impfung bzw. Impfstoffen zwischen einer absoluten, relativen und falschen Kontraindikation.
  • absolute Kontraindikation: keine Impfung möglich
  • relative Kontraindikation: nach einer Risiko-Nutzen-Abwägung kann eine Impfung erfolgen
  • falsche Kontraindikation: Impfung möglich, ggf. sogar sinnvoll!

Absolute Kontraindikationen

Bei Bestehen von absoluten Kontraindikationen ist eine Impfung nicht möglich. Es sollte auch hier keine Eigeninitiative ergriffen werden. Die sehr wenigen Kontraindikationen haben durchaus ihren Sinn.

Man unterscheidet bei diesen noch zwischen vorübergehenden, also zeitlich begrenzten, und ständigen Kontraindikationen. Des Weiteren werden Kontraindikationen gegenüber Lebendimpfstoffen unterschieden.

absolute Kontraindikation – vorübergehend
  • Fieber ≥ 38,5°C
  • Behandlungsbedürftige Erkrankung (Impfung in der Regel nach 2 Wochen mgl.)
absolute Kontraindikation – ständig
  • Allergie gegen Impfstoffbestandteile (z.B. Hühnereiweißallergie bei Influenza - hier entsprechende hühnereiweißfreie Impfstoffe verwenden!)
    Bitte beachten Sie hierzu auch die Empfehlungen des RKI (Robert Koch Institut) bzg. Hühnereiweißallergie und Kontraindiktionen unter Nebenwirkungen.
absolute Kontraindikation – Lebendimpfstoffe
  • Schwangerschaft (Ausnahme: Gelbfieber hier nur Kontraindikation im 1. Trimenon)
  • angeborene Immundefekte
  • erworbene Immundefekte (z.B. Rheumatoide Erkrankungen / multiple Sklerose im Schub, sympt. HIV-Erkrankung / AIDS, laufende Zytostase / Radiatio / Immunmodulation / Immunsupression
Die Indikation oder auch Kontraindikation von Impfungen hängt hier von der Art des Immundefektes ab und sollte mit einem erfahrenen Immunologen beraten werden.

Relative Kontraindikationen

Hier sollte individuell eine Risiko-Nutzen-Abwägung erfolgen. Entsprechend kann eine Impfung erfolgen oder versagt werden. Eine generelle Empfehlung ist hier nicht zu treffen.
  • Totimpfstoffe bei Schwangeren (vgl. oben)
  • Gelbfieber bei Schwangeren im 2.-3. Trimenon (vgl. oben)
  • Lebendimpfungen:
    • rheumatoide Erkrankungen unter Therapie
    • multiple Sklerose
  • Prä-/Postoperative Impfungen (aus juristischen Gründen):
    • Totimpfstoffe: 3 Tage vor und nach einer OP
    • Lebendimpfstoffe: 14 Tage vor und nach einer OP

falsche Kontraindikationen

Oft findet man in den Köpfen, auch von Ärzten, noch falsche oder unbegründete Kontraindikationen gegen eine Impfung. Nach einer sorgfältigen Abwägung kann in diesen Punkten ohne Weiteres eine Impfung erfolgen. Einer möglicherweise wichtigen und sinnvollen Impfung sollten diese Faktoren nicht im Wege stehen. Um ein wenig die Verunsicherung zu mindern, seien hier einige der häufigsten falschen Argumente aufgelistet:
  • banale Infekte (z.B. Schnupfen), auch mit subfebrilen Temperaturen (< 38,5°C)
  • Kontakt des Impflings zu Personen mit ansteckenden Krankheiten
  • Krampfanfälle oder Fieberkrämpfe in der Eigen- oder Familienanamnese
    Da fieberhafte Infekte und auch Impfreaktionen einen Krampfanfall provozieren können, ist zu erwägen, Kindern mit Krampfneigung bei Impfungen ein Antipyretikum (z.B. Paracetamol oder Ibuprofen) zu verabreichen (bei Totimpfstoffen zum Zeitpunkt der Impfung und jeweils 4 und 8 Stunden nach der Impfung; bei Lebendimpfstoffen bei Temperaturerhöhungen an den Folgetagen [z.B. MMR: zwischen dem 7. und 12. Tag nach Impfung])
  • Ekzeme, Dermatosen, lokalisierte Hautinfektionen,...
  • Behandlung mit Antibiotika
  • (kurze) Behandlung mit niedrigen Dosen von Kortikosteroiden (Prednisolonäquivalent <20mg/d) oder lokal angewendeten steroidhaltigen Präparaten
  • Schwangerschaft oder Stillende im Umfeld des Impflings (Varizellenimpfung nach Risikoabwägung)
  • angeborene oder erworbene Immundefekte bei Impfung mit Totimpfstoffen
  • chronische Krankheiten (Asthma, COPD,…)
    Chronische Erkrankungen stellen meist keine Kontraindikation, sondern eine Indikation für weitere Impfungen dar.
  • Frühgeburtlichkeit, Neugeborenenikterus

"Fehlimpfung" — Hinweis !

Weder eine versehentlich oder in Unkenntnis gegebene Impfung während der Schwangerschaft geben Anlass zu einem Schwangerschaftsabbruch oder ähnlichem. Je nach Impfstofftyp können engmaschigere Kontrollen sinnvoll sein. Ein weiteres Handeln ergibt sich vorerst nicht. Ähnliches gilt auch für die Impfung vor einer OP. Der Termin muss nicht verschoben werden.