Impfen: aber... Was?

Vergleich: Lebend- vs. Totimpfstoff

  Lebendimpfstoff Totimpfstoff
Impfstoff hoch immunogener Impfstoff,
vermehrungsfähiger Erreger
je nach Typ abgetötete Erreger, Erregerbestandteile oder Toxine
Immunogenität sehr gute Stimulation des Immunsystems (einschließlich zytotox. T-Zellen) geringere Immunogenität,
die Immunantwort auf "tot" ist im Allgemeinen schlechter als auf "lebend"
Dosierung meist eine bis zwei Impfungen für eine lebenslange Immunisierung ausreichend meist mehrere Impfungen (2-4 Dosen) nötig für eine Grundimmunisierung,
außerdem meist Auffrischungsimpfungen nötig
Krankheitsspezifische Symptome /
Auswilderung

Die im Impfstoff enthaltenen abgeschwächten Erreger können Symptome der eigentlichen Erkrankung in geringerer Ausprägung verursachen ("Impfmasern, Impfmumps, Impfröteln,…). (vgl. Nebenwirkungen)

Außerdem sind potentiell Rückmutationen der abgeschwächten (attenuiert) Erreger hin zum Wildtyp möglich. Das Risiko ist sehr sehr gering. Für Polio wurde es jedoch bewiesen.

keine krankheitsspezifischen Symptome,

keine Gefahr einer Rückmutation

… es handelt sich halt um einen Totimpfstoff.

besondere Umstände Immunsuppression
(vgl. Impfung bei Immunsuppression)
Kontraindikaiton möglich, ggf. verminderter Impferfolg
Schwangerschaft
(vgl. Impfung in der Schwangerschaft)
Kontraindikation,
Ausnahme Gelbfieber (und Typhus) bei Indikation (vorzugsweise) ab 2. Trimenon
relative Kontraindikation,
meist Impfung im 2./3. Trimenon möglich (Herstellerangaben beachten!)
Lebendimpfstoff
-Gabe
gleichzeitige Gabe von Lebendimpfstoffen oder 4 Wochen Abstand zwischen den Impfungen kein Abstand nötig
Totimpfstoff
-Gabe
kein Abstand nötig kein Abstand nötig
Immunglobulin- oder Vollblut
-Gabe
3 Monate Abstand bis zur Impfung
Eine Gabe von Immunglobilinen oder Vollblut kann bis zu 2 Wochen nach einer Impfung den Erfolg in Frage stellen.
   

Lebendimpfstoff

Lebendimpfstoffe sind Impfstoffe, die, wie der Name schon vermuten lässt, einen lebenden und vermehrungsfähigen Erreger enthalten. Wird der Keim bei einer Impfung verabreicht, ähnelt dies der tatsächlichen Infektion. Nur weist der Impferreger nicht mehr krankmachende (pathogene) Eigenschaften auf wie der Wilderreger. Dennoch bleibt die Immunogenität, also die Eigenschaft im Impfling eine Antwort des Immunsystems zu erzeugen, vergleichbar mit dem Wild-Erreger.

Grundsätzlich erreicht man mit Lebendimpfstoffen durch die hohe gute Stimulierung der zellulären Immunreaktion (Induktion zytotoxische T-Zellen) eine starke und auch breite Immunantwort (im Vergleich zu Totimpfstoffen). Deshalb sind geringere Impfstoffmengen sowie meist nur eine oder zwei Impfungen für einen meist lebenslangen Schutz nötig.

Der ideale Lebendimpfstoff würde keine Krankheitssymptome erzeugen. Dennoch würde er eine lebenslange Immunität nach einer Impfung garantieren. Dass dies sicher schwer, wenn gar unmöglich, zu erreichen ist, liegt wohl auf der Hand. Bei der Herstellung eines Lebendimpfstoffes muss ein Mittelweg gefunden werden. Ein zu stark abgeschwächter (attenuiert) Erreger würde eine unzureichende Immunantwort hervorrufen. Auf der anderen Seite möchte man natürlich die Risiken einer Impfung möglichst minimieren, um einen höchst möglichen Benefit durch die Impfung zu erreichen. Doch durch wachsende Erfahrung können immer bessere Impfstoffe hergestellt werden. Zum Beispiel waren die Nebenwirkungen der Pockenschutzimpfung noch gravierend, während bei heutigen Masern-Mumps-Röteln-Impfungen vergleichsweise nur noch mit sehr geringen Nebenwirkungen zu rechnen ist.

Eine Attenuierung eines Erregers kann auf vielen Wegen erreicht werden:

  • Tierpassagen: Man infiziert ein Tier mit dem Erreger. Durch den Wirtswechsel kommt es teilweise zu Verlust von krankmachenden Eigenschaften.
  • Passagen über Kulturzellen oder Hühnereier
  • gentechnische Verfahren

Ein weiteres Problem der Lebendimpfstoffe und ihrer Impfstämme besteht in einer möglichen Auswilderung. Dies bedeutet, dass ein Impferreger sich durch eine Rückmutation dem ursprünglichen Wilderreger wieder annähert. Bei dem Impfstoff handelt es sich um vermehrungsfähige Keime, die sich entsprechend bei dem erzeugten Infekt über Generationen der Vermehrung verändern können. So ist auch eine Auswilderung möglich. Als klassisches Beispiel ist hier die Kinderlähmung (Poliomyelitis) und die Schluckimpfung (orale Poliovaccine, OPV) als Lebendimpfung zu nennen. Der Lebendimpfstoff hat ein Lähmungsrisiko von 1:4 Mio. (Wildvirus 1:200). Doch es wird über eine Auswilderung berichtet und der Impfvirus nähert sich langsam wieder dem Wildvirus an (vgl. Auswilderung des oralen Polio-Impfstoffes).

WICHTIG: Als letzter Hinweis sei erwähnt, dass ein Lebendimpfstoff bei Personen mit Störungen des Immunsystems nicht verabreicht werden sollte. Bei einer geplanten Immunsuppression, also im Rahmen einer medizinischen Therapie, sollte evtl. eine vorherige Komplettierung des Impfstatus diskutiert werden.

Totimpfstoff

Der Begriff Totimpfstoffe fasst alle Impfstoffe zusammen, die nicht mehr vermehrungsfähig sind. Dies beinhaltet mehrere Untergruppen von Impfstofftypen:

Allen ist gemein, dass dem Körper des Impflings antigenhaltiges Material verabreicht wird, auf die das Immunsystem reagiert. Um nun eine ausreichende Reaktion des Immunsystems auf den Totimpfstoff zu erreichen, bedient man sich verschiedener Verfahren. Zum einen impft man häufiger. Durch mehrmaliges Impfen erreicht man einen so genannten Booster-Effekt. Dies bedeutet, dass nach mehrmaliger Impfung die Reaktion auf den Impfstoff um ein Vielfaches stärker ausfällt und deutlich höhere Antikörpertiter erreicht werden. Zum anderen verwendet man "Impfverstärker" (Adjuvantien). Durch diese kann man mit kleineren Impfstoffmengen einen größeren Effekt erzielen. Die wohl am bekanntesten und derzeit am häufigsten verwandte Substanz ist Aluminiumhydroxid. Im Zusammenhang mit Impfstoffen bezeichnet man Aluminiumhydroxid als "Adsorbat" (Adsorbat-Impfstoffe).

Grundsätzlich sind Aluminiumverbindungen allgegenwärtig. Der Mensch nimmt 3-5 mg pro Tag durch Nahrung und Trinkwasser auf. Eine Impfstoffdosis enthält als Adjuvans 0,25-0,5mg. Ein kleiner Nachteil muss aber erwähnt werden. Bei subkutaner Gabe führt es zu Reizungen des Unterhautgewebes mit Rötung und Schwellung. Vor allem bei häufigen Impfungen (Verlust der Unterlagen und stetiges Impfen bei Verletzungen) kann es so zu deutlichen Reaktionen kommen.

Neben diesen "klassischen" Verstärkern finden zunehmend sog. neuere Adjuvantien in Impfstoffen Verwendung. Durch sie kann die Immunreaktion noch weiter gesteigert werden. Was hier die Zukunft bringt, bleibt abzuwarten.

Adjuvans Wirkung
Aluminiumverbindungen (Aluminiumhydroxid, Aluminiumphosphat,…) Wirkverstärkung, in den meisten Totimpfstoffen enthalten
MF59 Wasser-Öl-Emulsion (Lipid: Squalen, Detregentien: Sorbitan-Trioleat und Polysorbat) bildet kleine Kügelchen. Es soll die Aufnahme der präsentierten Antigene (Impfstoff) verbessern und beschleunigen.

Derzeit Verwendung in einigen Grippeimpfstoffen.

AS03 ähnlich wie MF59. Enthält aber statt Sorbitan-Trioleat die Vitamin E-Komponente DL-alpha-Tocopherol.

Anwendung Schweinegrippe-Impfstoff

MPLA (Monophosphoryl-Lipid A) Derivat  eines Salmonellen-Lipopolysaccharides

In Kombination mit Aluminiumhydroxid in HPV-Impfstoff enthalten.

Virosomen Phospholipid-Kügelchen, die Oberflächenproteine eines Influenzavirus enthalten.

Anwendung in einem Hepatitis A-Impfstoff.

Impfabstände

Lebendimpfstoffe - Lebendimpfstoffe
Lebendimpfstoffe können gleichzeitig gegeben werden (z.B. Mumps, Masern, Röteln + Varizellen) oder es sollte in der Regel ein Abstand von mindestens 4 Wochen (besser 6 Wochen) eingehalten werden (bitte Fachinformation des jeweiligen Produktes beachten).
Lebendimpfstoffe - Totimpfstoffe
Diese Impfstoffe sind ohne Einschränkungen und ohne zeitliche Intervalle frei kombinierbar (bitte Fachinformation des jeweiligen Produktes beachten).
Totimpfstoffe - Totimpfstoffe
Diese Impfstoffe sind ohne Einschränkungen und ohne zeitliche Intervalle frei kombinierbar (bitte Fachinformation des jeweiligen Produktes beachten).

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