Haemophilus influenzae Typ B

Erreger / Pathogenese

Haemophilus influenzae ist ein gram-negatives Bakterium der Gattung Haemophilus aus der Familie der Pasteurellaceae. Es handelt sich um sporenlose, bewegliche Keime, von denen einige bekapselt sind.

Aus dem Aufbau der Kapselpolysaccharide (Mehrfachzucker; Polyribitol-Ribose-Phosphat = PRP) resultiert die Nomenklatur der Serotypen a bis f bzw. NTHi (nicht typisierbar, für unbekapselte Vertreter). Häufigster Vertreter invasiver Erkrankungen vor der Impfaera war der Typ b (ca. 95% der invasiven Erkrankungen).

Des Weiteren gibt es bei den Serotypen acht Biotypen (I bis VIII), die sich in der Enzymausstattung unterscheiden. Es resultiert eine unterschiedliche Pathogenität. Bei invasiven Erkrankungen sind meist die Biotypen I und II vertreten.

Die Oberflächenmoleküle ermöglichen den Bakterien, den Nasen-Rachen-Raum zu besiedeln (Adhäsion an der Schleimhaut), ein Eindringen in die Blutbahn (Überwindung der Epithelbarriere) und gewähren einen Schutz vor Phagozytose durch körpereigene Fresszellen. Es kommt so durch Haemophilus influenzae zu verschiedensten Infektionen:

  • nicht-invasive Infektionen:
    • fieberhafte Infektion des Nasenrachenraums mit Beteiligung des Mittelohrs oder der Nasennebenhöhlen
    • Infekte des Broncho-Pulmonal-Traktes (Bronchitis, Pneumonie, Exacerbation einer bestehenden COPD,...)
    • weitere Manifestationsformen: Konjunktivitis, Vulvovaginitis,...
  • invasive Infektionen (als gefürchtete Komplikationen):
    • Hirnhautentzündungen (Meningitis)
    • Entzündungen des Kehlkopfes (Epiglottitis) mit Gefahr von Erstickungsanfällen und Tod
    • Arthritis
    • Oteomyelitis

Einen Schutz vor Haemophilus influenzae Typ b (Hib) vermitteln Antikörper gegen das Kapselpolysaccharid (PRP). Diese werden auch bei einer Schwangerschaft von der Mutter an das Kind weitergegeben. Doch nach der Geburt sinkt der Anti-PRP-Spiegel stetig. So ist 6-12 Monate nach der Geburt kein Schutz mehr gegeben. In dieser Altersklasse fanden sich vor der Impfaera, und finden sich heute bei Ungeimpften, die meisten Erkrankungen mit Hib.

Mit dem Alter steigt der Schutz durch Kreuzimmunitäten von anderen Keimen oder Kolonisation mit Haemophilus influenzae wieder an. Ab einem Alter von 5 Jahren ist mit invasiven Hib-Infektionen nicht mehr zu rechnen (ca. 85% aller invasiven Infektionen bei Kindern < 5 Jahren, Meningitis vor allem in ersten Lebensjahren).

Ansteckung / Inkubation

Eine Übertragung der Bakterien erfolgt in der Regel als klassische Tröpfcheninfektion von Mensch zu Mensch. Eine Ansteckungsfähigkeit des Infizierten bleibt bestehen, solange Keime in Sekreten aus dem Nasenrachenraum nachgewiesen werden können.

Inkubationszeit: 2-5 Tage

Krankheitsverlauf / Diagnostik

Beispielhaft sollen an dieser Stelle kurz einige typische Erkrankungen dargestellt werden. Sicherlich sind auch andere Infekte mit Haemophilus influenzae denkbar. Auf der anderen Seite könnten andere Erreger ursächlich sein. In vielen Fällen erfolgt in der täglichen Praxis keine nähere Abgrenzung.
  • Sinusitis (Nasennebenhöhlenentzündung)
  • Otitis media (Mittelohrentzündung)
    Haemophilus influenzae sind insbesondere bei Kindern (6 Monate – 5 Jahre) für die bakteriellen Mittelohrentzündungen verantwortlich (ca. 25%). Meist geht ihnen eine akute Infektion der oberen Atemwege voraus. Gefürchtet ist die Mittelohrentzündung vor allem aufgrund der möglichen bleibenden Hörschädigung der Kinder.
  • Pneumonie (Lungenentzündung)
  • Exacerbation (Verschlechterung) einer bestehenden COPD
  • Konjunktivitis (Bindehautentzündung)
    Durch Haemophilus influenzae bedingte Infektionen treten gerne epidemisch in kleineren Gruppen auf (z.B. Kindergärten).
  • Meningitis (Hirnhautentzündung)
    Die hier bakterielle Hirnhautentzündung zählt zu den schwerwiegendsten und besonders gefürchteten Komplikationen bzw. invasiven Infektionen durch Haemophilus influenzae. Die Hirnhautentzündung kann bleibende Schäden nach sich ziehen oder sogar zum Tode führen. In Literaturangaben findet man ein Risiko von 15-30% für bleibende neurologische Schäden und 5% für einen letalen Ausgang einer Meningitis durch Haemophilus influenzae.
  • Epiglottitis (Kehldeckelentzündung)
    Die Infektion des Kehldeckels ist eine weitere gefürchtete Komplikation. Durch Anschwellen des Kehldeckels im Rahmen der Entzündung kann es zu gravierender Behinderung der Atmung kommen. Erstickungen sind häufig. Gefürchtet ist vor allem die rasche Entwicklung, die innerhalb von wenigen Stunden (2-24h) zu Atemnot und in einem hohen Anteil (ca. 25%) zum Tode führen kann. Insbesondere bei Kindern (2-5 Jahren) zählt dies zu den häufigen Komplikationen.
  • Septische Arthritis (bakterielle Gelenkentzündung)

Komplikationen

vgl. oben

Immunität

Bezüglich einer Immunität nach einer überstandenen Infektion gibt es unterschiedliche Meinungen. Nur in seltenen Fällen wird eine Re-Infektion beobachtet.

Hingegen besteht ein erhöhtes Re-Infektionsrisiko sowie Komplikationsrisiko bei anatomischer oder funktioneller Asplenie (Fehlen der Milz). So sollte in diesen Fällen oder auch vor einer geplanten operativen Entfernung auf einen ausreichenden Impfschutz geachtet werden.

Bei Erwachsenen taucht das Problem auf, dass in Deutschland keine Mono-Impfstoffe für Hib verfügbar sind. Die Kombinationsimpfstoffe sind auch nur im Kindesalter verwendbar. Vor der Verwendung importierter Impfstoffe wird gewarnt. Aber sicherlich stellen in diesem Alter Meningokokken und Pneumokokken ein höheres Risiko dar (vgl. unten).

Therapie

Es erfolgt eine Antibiose und ggf. eine Therapie der Komplikationen. Problematisch ist nur, dass inzwischen einige Stämme bereits resistent gegen viele Antibiotika geworden sind. Eine vorherige Impfung ist hier der derzeit einzige verfügbare Schutz.

Epidemiologie

Haemophilus influenzae ist weltweit verbreitet. Der Mensch ist das einzige Reservoir. Hierbei kolonisiert der Erreger vornehmlich die Schleimhäute des Menschen. Dies ist als dynamischer Prozess zu sehen, der mit der Geburt beginnt.

Haemophilus influenzae Typ b findet sich nur beim Menschen. Gelegentlich wird das Bakterium sogar als Bestandteil der Mundflora gefunden. Es gib somit asymptomatische Träger, die im Verlauf eine spezifische Immunität entwickeln können.

Warum es in einigen Fällen zum Infekt und in anderen Fällen nur zu einer Besiedlung mit Trägertum kommt, ist nicht abschließend geklärt. Wichtige Faktoren für die Entwicklung einer Erkrankung scheinen die Menge der übertragenen Bakterien und gleichzeitige virale Infekte zu sein.

Reservoir und Übertragung

Die Übertragung erfolgt als Tröpfcheninfektion oder bei direktem zwischenmenschlichen Kontakt.

Das Reservoir stellen die oben genannten asymptomatischen Träger des Bakteriums.

Steckbrief Erreger
Erreger: Haemophilus influenzae
Infektionsquelle: Sekrete aus dem Nasenrachenraum
Übertragung: Tröpfcheninfektion von Mensch zu Mensch
Inkubationszeit: Inkubationszeit: 2-5 Tage
Krankheitsbild:
  • Sinusitis (Nasennebenhöhlenentzündung)
  • Otitis media (Mittelohrentzündung)
  • Pneumonie (Lungenentzündung)
  • Exacerbation (Verschlechterung) einer bestehenden COPD
  • Konjunktivitis (Bindehautentzündung)
  • Meningitis (Hirnhautentzündung)
  • Epiglottitis (Kehldeckelentzündung)
  • Septische Arthritis (bakterielle Gelenkentzündung)
Diagnose: Die Diagnose wird klinisch, d.h. aus dem Krankheitsbild und der Vorgeschichte, gestellt.
Meist kein direkter Erregernachweis.
Behandlung: Antibiose, Therapie der Komplikationen

Impfstoff

Ende der 80er Jahre wurde als erster Impfstoff eine reiner Polysaccharidimpfstoff für Haemophilus influenzae Tyb b (Hib) entwickelt. Sicherlich war es ein Fortschritt, überhaupt einen Impfstoff zur Verfügung zu haben, aber aus heutiger Sicht besaß der Impfstoff viele Nachteile:
  • T-Zell-unabhängige Immunantwort
  • Erzeugung einer ungenügenden Immunität bei Kindern unter 2 Jahren
  • fehlendes immunologisches Gedächtnis

So wurde später ein Konjugatimpfstoff entwickelt (Zulassung Deutschland 1991). Heute erfolgt eine Impfung meist in Kombinationsimpfstoffen (z.B. T-D-aP-IPV-Hib-HBV) im Säuglingsalter. Ein Auffrischung des Impfschutzes ist in der Regel nicht notwendig, da ab einem Alter von 5 Jahren nicht mehr mit invasiven Infektionen (vgl. oben) zu rechnen ist.

Grundimmunisierung

Derzeit ist in Deutschland kein monovalenter Impfstoff verfügbar. Eine Grundimmunisierung erfolgt in der Regel im Säuglings-/Kleinkindesalter mit Kombinationsimpfstoffen (z.B. T-D-aP-IPV-Hib-HBV).

  • Säuglinge (ab dem 2. Lebensmonat): 4 Impfungen (vgl. Impfkalender, Kombinationsimpfstoffe)
    • 3 Dosen im Abstand von 4-8 Wochen
    • 1 Dosis 6-12 Monate nach der 3. Dosis
  • Säuglinge / Kleinkinder (6-12 Monate): 2 Impfungen
    • 2 Dosen im Abstand von 6-8 Wochen
  • Kinder, Jugendliche oder Erwachsene: 1 Impfung
Je nach Alter reicht für eine Grundimmunisierung gegen Haemophilus influenzae Typ b zwei oder auch eine Impfdosis aus. Trotzdem können die üblichen 5-fach- bzw. 6-fach-Impfstoffe angewendet werden, um den Impfstatus zu komplettieren. Negative Auswirkungen aufgrund der überzähligen Hib- Impfdosen sind nicht zu befürchten.

Weiterhin wird empfohlen, bei der Grundimmunisierung Impfstoffe mit gleichem Trägerprotein zu verwenden. Ist dies aufgrund fehlender Nachweise nicht möglich, muss eine Grundimmunisierung jedoch nicht neu begonnen werden.

Hib-Impfung für Erwachsene

Ein Problem stellt sich in sofern, dass derzeit kein mono-valenter Impfstoff gegen Haemophilus influenzae Typ b in Deutschland verfügbar ist. Erhältlich ist der Impfstoff nur in Kombinationsimpfstoffen, die wiederum aufgrund ihrer Diphtherie- (D) und Pertussis-Dosis (aP) nur bis zu einem begrenzten Alter (5-6 Jahren) verwendet werden dürfen.

Die Empfehlung zur Impfung bei Splenektomie (Impfung möglichst 2 Wochen vor OP) kann daher hier nicht ohne Weiteres umgesetzt werden. Impfstoffe für diese Indikation aus dem Ausland zu beziehen, wird aber auch nicht empfohlen.

Bei Splenektomierten, bei denen keiner der verfügbaren Kombinationsimpfstoffe verabreicht werden kann (d.h. bei den meisten älteren Kindern und bei Erwachsenen), sollte eine Aufklärung (rasches Handeln bei Hinweis auf möglichen Infekt) erfolgen. Auch zu beachten ist, dass die Empfehlung zur Haemophilus-Impfung bei Splenektomie auf epidemiologischen Beobachtungen vor Einführung der Impfung (in Deutschland 1993) beruhen. Bereits vor der flächendeckenden Impfung war eine Infektion mit Haemophilus influenzae bei Erwachsenen eine seltenere Erkrankung.

Insbesondere die Pneumokokken, aber auch die Meningokokken stellen sicherlich ein höheres Risiko dar. Für sie steht ein Impfstoff zur Verfügung.

Auffrischung

keine
Steckbrief Impfstoff
Impfstoff: Totimpfstoff (seit 1991 Konjugatimpfstoff)
üblich in Kombinationsimpfung (z.B. T-D -aP-IPV-Hib- HBV), kein monovalenter Impfstoff in Deutschland verfügbar
Impfempfehlung: Teil der Standardimpfungen (vgl. Impfkalender)

insbesondere vor geplanter Splenektomie (möglichst > 2 Wochen vor OP)

Auffrischung: -
Impfabstände:

aktive Immunisierung: Totimpfstoff - keine Impfabstände

Alter: Grundimmunisierung im ersten Lebensjahr (vgl. Impfkalender)
Lokal- und Allgemeinreaktionen: Lokalreaktionen innerhalb von 1-3 Tagen nach Impfung (20%), selten länger anhaltend, gelegentlich Schwellung der zugehörigen Lymphknoten; sehr selten: Bildung eines Knötchens an der Stichstelle. Außerdem treten Allgemeinsymptome wie Temperaturerhöhung, grippeähnliche Symptome oder Magen-Darm-Beschwerden gelegentlich auf. In der Regel sind diese Lokal- und Allgemeinreaktionen vorübergehender Natur und klingen rasch und folgenlos wieder ab.
Komplikationen:

Allergische Reaktionen an der Haut oder den Atemwegen treten selten auf. Allergische Sofortreaktionen (anaphylaktischer Schock) wurden in der medizinischen Fachliteratur beschrieben. In Einzelfällen kann es zu Erkrankungen des peripheren Nervensystems (z.B. Mono- und Polyneuritiden, Guillain-Barré-Syndrom) kommen.

Bei heute ausschließlich verwendeten Kombinationsimpfstoffen ist eine Abgrenzung der Kausalität sehr schwer. Bzgl. des jeweiligen Risikos bei Kombinationsimpfstoffen verweisen wir an dieser Stelle auf die Fachliteratur des Herstellers.

Quellen: Epidemiologische(s) Bulletin(s), Robert Koch Institut
  Bernhard-Nocht-Institut (Tropenmedizin Hamburg)
  www.reisemedizin.de
  www.impfakademie.de
  www.fit-for-travel.de
  www.impfservice.de
  www.impfen-aktuell.de
  www.reisemed.at
  Centrum für Reisemedizin
   
  Webb CW, Crowell K, Cravens D. Clinical inquiries. Which vaccinations are indicated after splenectomy? J Fam Pract 2006; 55:711-2.
  Howdieshell TR, Heffernan D, Dipiro JT. Surgical infection society guidelines for vaccination after traumatic injury. Surg Infect 2006; 7:275-303.
  Sarangi J, Cartwright K, Stuart J, Brookes S, Morris R, Slack M. Invasive Haemophilus influenzae disease in adults. Epidemiol Infect 2000; 124:441-7.
  Furrer M, Cottagnoud P, Mühlemann K. Haemophilus influenzae infections among hospitalized adult patients. Infection 2000; 28:351-4.

Hinweis: An dieser Stelle sind allgemeine Informationen zu der Erkrankung genannt. Auch die im Steckbrief aufgeführten Daten sind nur eine Zusammenfassung und beinhalten nicht alle möglichen Symptome oder Komplikationen nach einer Impfung. Hierzu bitten wir andere Quellen (z.B. www.fachinfo.de), zu Rate zu ziehen. Außerdem empfehlen wir für Patienten eine ärztliche Rücksprache zu Fragen vor einer entsprechenden Impfung.