Hepatitis B

Erreger / Pathogenese

Hepatitis B-Virus, Quelle: CDC
Hepatitis B-Virus

Das Hepatitis B-Virus als partiell doppelsträngiges DNA-Virus (bisher 8 bekannte Genotypen, A bis H) gehört zur Familie der Hepadnaviridae (Genus: Orthohepadnavirus). Die Virushülle besteht aus dem lipidhaltigen Hepatitis B-Oberflächenantigen (surface antigen, HBsAg). Die Virushülle umschließt das Viruskapsid (Ikosaeder aus core-Proteinen, core antigen, HBcAg).

Hierbei ist das HBsAg mit verantwortlich für die Anheftung des Virus an die Leberzelle. Dieses Oberflächenprotein findet auch im Impfstoff Verwendung. Nach einer Infektion (parenteral, vgl. unten; vgl. Replikationszyklus) erreicht das Virus die Leber über die Blutbahn. Nach einem Eintritt in die Leberzellen kommt es hier zur Virusvermehrung. Das Hepatitis B-Virus weist einen relativ komplexen Replikationszyklus über eine RNA-Zwischenstufe auf (pgRNA: prägenomische RNA). Die Hepatitis B-Viren nutzen ähnlich wie HIV-Viren reverse Transkriptasen, um ihre Erbinformation von pgRNA wieder in die rcDNA (relaxed-circular DNA) zu überführen. Aus diesem Grunde wird das Hepatitis B-Virus funktionell auch eher einem Pararetrovirus gleichgesetzt.

Die Virus-DNA wird aber nicht in das Genom der Leberzelle integriert. Im Gegensatz zu "echten" Retroviren erfolgt eben nicht die Integration der HBV-DNA (cccDNA) in das Genom der Leberzelle. Lediglich eine "Ruheform" persistiert an Eiweiß gebunden im Zellkern.

Das Hepatitis B-Virus ist nicht zytopathogen, d.h. die Virusvermehrung würde die Funktion der Leberzelle nicht beeinträchtigen und führt auch nicht zum Zelltod. Erst die Immunabwehr des Körpers führt zu einer Schädigung der Leber und zu den Symptomen der Hepatitis. Über eine Hepatitis kann die akute Infektion auch chronisch werden und in einer Fibrose und Zirrhose enden. An der Entwicklung des hepatozellulären Karzinoms als Folge der Zirrhose ist das Virus wiederum selbst durch die Virus-DNA in der Wirts-Zelle beteiligt.

Eine Elimination des Hepatitis B-Virus aus dem Organismus bzw. der infizierten Leberzelle erschwert sich aufgrund der "Speicherung" der Virus-Erbinformation nach erfolgter Infektion. Die Virus-DNA ist nach Infektion zwar ein seperater, aber fester Bestandteil des Genoms der infizierten Leberzellen. Bei einer Teilung dieser Leberzellen wird entsprechend auch das Genom des Hepatitis B-Virus mit vervielfältigt.

Da die Information auch nach einer überstandenen Infektion weiter in den Leberzellen vorhanden ist, kann sie zu jeder Zeit wieder reaktiviert werden. Dies erfolgt meist im Rahmen von Beeinträchtigungen des Immunsystems (z.B. andere Infektion [z.B. Infektion mit Hepatitis D,… ], Tumor, immunsupressive Therapie,… ).

… Infektion mit HVB: Replikationszyklus der Leberzelle  

Ansteckung / Inkubation


0,0001 ml infiziertes Blut reichen.
Ein Tropfen Blut in einer Badewanne,
jeder Wassertropfen kann Sie anstecken !

Man findet das Hepatitis B-Virus vorwiegend im Blut, aber auch in anderen Körperflüssigkeiten (z.B. Sperma, Scheidenflüssigkeit, Speichel, Tränenflüssigkeit, Galle und Muttermilch). Die Übertragung des Virus erfolgt parenteral, das heißt über den Kontakt mit viruslastigen Materialien (z.B. Blut, andere viruslastige Körperflüssigkeiten). Durch (auch geringe) Verletzungen kann das Virus in den Körper eindringen.

Hierbei ist zu bemerken, dass das Virus eine sehr hohe Infektiosität besitzt. Kleinste Mengen an virushaltigem Material reichen für eine Infektion aus! Man sagt, dass HBV 50-100x infektiöser ist als HIV.

Statistisch ist mit ca. 35-40% der sex. Kontakt der häufigste Übertragungsweg (insbesondere Altersklasse 15-35 Jahre). Aber über kleinste "Reste" virushaltigen Materials an Gerätschaften bei einer ärztlichen Untersuchung oder einem Eingriff, beim Tätowieren oder Piercen, beim Friseur (Rasierklingen), an Drogenbestecken oder anderen Gegenständen kann das Virus vom Vorgänger übertragen werden.

… mehr Informationen zu Hepatitis B und Ansteckungsrisiko   

Bei einer erfolgten Ansteckung kommt es nach einer Inkubationszeit von (30-)60-120(-180) Tagen zur Erkrankung. Die Inkubationszeit ist unter anderem abhängig von der Infektionsdosis (Virusmenge bei Infektion).

Krankheitsverlauf

inapparenter Verlauf

Ein Großteil der Infektionen (im Mittel 65% im Erwachsenenalter, im Neugeborenen- und Kleinkindesalter noch deutlich mehr) verlaufen ohne Krankheitszeichen. Allenfalls wird eine geringe Abgeschlagenheit bemerkt. Aber in den häufigsten Fällen wird bei einer Laborkontrolle zu einem späteren Zeitpunkt zufällig eine Veränderung der "Leberwerte" (Transaminasen) bemerkt. Bei weiteren Untersuchungen kann dann eine stattgehabte Infektion bewiesen werden. Aber auch eine initial vollkommen unbemerkt verlaufende Infektion kann (in einigen Quellen sogar mit einem größeren Risiko) zu einem späteren Zeitpunkt in eine chronische Verlaufsform übergehen.

akute Hepatitis

Zu Beginn zeigen sich hier ähnlich wie bei den anderen Virushepatitiden (z.B. Hepatitis A) unspezifische Allgemeinsymptome. Nach einer sehr langen Inkubationsphase kommt es zu einem "grippeähnlichen" Vorstadium mit Fieber, allgemeinem Krankheitsgefühl, Schwäche und Magen-Darm-Beschwerden (Prodromalstadium: meist 3-10 Tage).

Im Anschluss kommt es schließlich zur ikterischen Phase (im Mittel: 2-6 Wochen) der Hepatitis mit typischen Symptomen wie: Gelbfärbung von Skleren und Haut, Dunkelfärben des Urins, Entfärben des Stuhls. Bei unkomplizierten Verläufen zeigt sich in bis zu 3-4 Monaten eine spontane Normalisierung der Symptome und Laborwerte.

Es lassen sich nun Antikörper gegen das Oberflächenprotein (HBsAg) im Blut nachweisen: Anti-HBs. Außerdem ist das Oberflächenprotein (HBsAg) selbst nicht mehr im Blut nachweisbar. Dies bezeichnet man als Serokonversion. Die akute Hepatitis und auch die Ansteckungsgefahr gelten als überwunden.

Eine vollständige Ausheilung der Hepatitis mit anschließender Viruselimination wird bei Erwachsenen in ca. 30% erreicht.

fulminante Verläufe

In seltenen Fällen (ca. 0,5-1%) kann eine akute Hepatitis B einen schwereren Verlauf nehmen mit teilweise lebensbedrohlichen Komplikationen. Diese können sich innerhalb von Stunden oder Tagen entwickeln (fulminanter Verlauf der Hepatitis). Eine intensivmedizinische Betreuung (evtl. Lebertransplantation) sind nötig. Die Hepatitis zeigt trotz intensivmedizinischer Maßnahmen eine 10-20% Letalität.

chronische Hepatitis B

Besteht eine Hepatitis (Leberentzündung) länger als 6 Monate nennt man dies eine chronische Hepatitis. Diese kann asymptomatisch, also ohne Krankheitszeichen, oder symptomatisch, also mit Krankheitszeichen, verlaufen.

Das mittlere Risiko für eine Chronifizierung bei gesunden Erwachsenen liegt bei 5% (♂:♀ = 2:1). Allgemein variiert das Risiko jedoch stark in Abhängigkeit von dem Erkrankungsalter. Je jünger der Patient, um so höher das Risiko. Zum Beispiel wird bei Säuglingen das Risiko mit 70-90% angegeben, in der frühen Kindheit (1.-5. Lebensjahr) 35-50% und ab 12 Jahren um 5-10%. So ergibt sich über alle Altersklassen ein weit gefächertes Risiko von 5-90% (mit zunehmendem Alter geringer).

Weitere Faktoren, die zur Erhöhung des Risikos für eine chronsiche Verlaufsform führen, sind:

  • Drogenabusus (20% Risiko)
  • Hämodialyse (bis zu 30% Risiko)
  • Immunsuppression (bis zu 50% Risiko)

Als Komplikation sind hier die Leberzirrhose und das Leberzellkarzinom zu nennen. Ca. 25% der chronischen Verläufe einer Hepatitis B enden in der Leberzirrhose (Bei HBeAg-Positiven wird das Risiko einer Leberzirrhose auf 8–10 %, bei HBe-Negativen auf 2–5,5 % pro Jahr geschätzt.) und ggf. im Leberzellkarzinom. Die chronische HBV-Infektion erhöht das Risiko für die Entwicklung eines Leberzellkarzinoms gegenüber der Normalbevölkerung um den Faktor 100.

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Reaktivierung einer Hepatitis B

Im Rahmen einer Zytostase (Chemotherapie) oder Immunsuppression (medikamentös z.B. bei Organtransplantation oder bei Erkrankungen z.B. AIDS) kann es zu einer Reaktivierung des Hepatitis B-Virus kommen.

Es resultiert eine erneute Hepatitis, die unter den immunsuppremierten Bedingungen meist fulminant verläuft.

gleichzeitige Hepatitis D-Infektion

Bei bestehender Hepatitis B-Infektion (akut oder chronisch) kann es zu einer gleichzeitigen (Simultan- bzw. Superinfektion) mit dem Hepatitis D-Virus (HDV) kommen. Bei dem Hepatitis D-Virus handelt es sich um ein "defektes" Virus, welches nur dann infektiöse Viruspartikel bilden kann, wenn es eine HBsAg-Hülle vom Hepatitis B-Virus erhält, was besagte gleichzeitige Infektion nötig macht.

In Deutschland sind Infektionen mit HDV selten. Eine Übertragung erfolgt ähnlich dem HBV parenteral. Die HDV-Superinfektion des HBV-Trägers führt zu einer schwerer verlaufenden Lebererkrankung als eine alleinige HBV-Infektion. Die HDV-Superinfektion nimmt bei über 90% der Infizierten einen chronischen Verlauf. Sie führt zu einer erhöhten Leberzirrhose-Inzidenz und zu einem früheren Auftreten von Leberzellkarzinomen.

 …Hepatitis C  
 …Hepatitis D  

Diagnostik

Schematische Darstellung der Laborwerte im Verlauf der Hepatitis B-Infektion

Neben den anamnestischen und klinischen Hinweisen erfolgt eine Diagnose serologisch, dass heißt über eine Blutabnahme und Bestimmung verschiedener Laborparameter. Neben einer Erhöhung der klassischen Leberwerte (GPT/ALT, GOT/AST und γGT) erfolgt eine Einordung aufgrund bestimmter serologischer Werte.

Hier können neben den Antigenen (HBsAg, HBeAg) und Antikörpern gegen Virusproteine (Anti-HBs-Ak, Anti-HBe-Ak, Anti-HBc-Ak, Anti-HBc-IgM) auch eine HBV-PCR bei der Einordnung der Erkrankung und des Verlaufes helfen.

… zur Übersicht und Erläuterung der Laborwerte  

Komplikationen

Neben den bereits o.g. unterschiedlichen Verläufen der Hepatitis B sind Leberinsuffizienz, Leberzirrhose oder ein Leberzellkarzinom die zu verhindernden Komplikationen.

Immunität

Da das Hepatitis B-Virus die Erbinformation im Zellkern hinterlässt (Ruheform), bleibt sie lebenslang in den Leberzellen erhalten. Eine erneute Infektion ist nicht möglich.

Therapie

Während der akuten Hepatitis B wird derzeit keine spezifische Therapie empfohlen. Es erfolgt aufgrund der hohen Spontanheilungsrate nur eine symptomatische Therapie (körperliche Schonung, strikte Alkoholkarenz). Nur bei deutlicher Einschränkung der Lebersynthese ist eine Therapie mit Hemmstoffen der HBV-DNA-Polymerase angezeigt. Bei fulminanten Verläufen ist die Therapie mit einem Nukleosid- bzw. Nukleotidanaloga angezeigt.

Bei chronischen Verläufen stehen zwei Medikamentengruppen zu Verfügung:

  • Interferon alpha (Stimulation des Immunsystems)
  • Nukleosid- bzw. Nukleotidanaloga (Behinderung der Virusvermehrung)

Zum einen versucht man durch Interferon über eine Stimulation des Immunsystem die Aktivität des Hepatitis B-Virus zurück zu drängen. Zum anderen werden so genannte Nukleosidanaloga gegeben. Diese Medikamente behindern die Vermehrung des Virus selbst. Sie werden als "falsche" Bausteine in die Virusmatrix eingebaut und stören so die Vermehrung des Virus. Problem ist hier langfristig eine mögliche Resistenz. Therapieziel ist eine positive Beeinflussung (Verzögerung des Verlaufs, Verhinderung von Komplikationen) der chonischen Hepatitis B. Eine Heilung ist nicht möglich. Als ultima ratio bleibt schließlich eine Lebertransplantation bei beginnendem Leberversagen.

Epidemiologie

Hepatitis B-Fälle, 2005
(nach WHO-Daten)
Risiko hoch: Prävalenz > 8%
Risiko mittel : Prävalenz 2 - 7%
Risiko niedrig : Prävalenz < 2%
Hepatitis-B-Erkrankungen pro 100.000 Einwohner
Deutschland 2007
RKI: Infektionsepidemiologisches Jahrbuch, 2007
Die Hepatitis B ist eine der häufigsten Infektionskrankheiten weltweit. Sie ist endemisch in großen Teilen der Welt (z.B. Naher und Mittlerer Osten, Teile der Türkei, große Teile Afrikas, China, Südostasien, Norden Canadas und Teile Südamerikas). Hierbei sind die bekannten Genotypen (A–H) geographisch unterschiedlich verteilt.

Man geht weltweit von 300 - 430Mio. chronisch infizierten Hepatitis B-Trägern aus. In den Hauptverbreitungsgebieten wie Südostasien oder Zentral- und Südafrika bedeuten dies 5-10% teilweise sogar 20% Infizierte pro Bevölkerung. Im Vergleich liegt diese Rate in den Industrienationen unter 1%.

Diese chronisch infizierten Virusträger bilden ein dauerhaftes Reservoir für das Virus. Als Folge der Erkrankungen sterben jährlich ca. 600.000 Menschen weltweit.

In Deutschland wird die Zahl der HBsAg-positiven Personen mit 0,3-0,8% angegeben. Das entspricht bei den Bevölkerungszahlen der Bundesrepublik ca. 250.000-650.000 chronischen Virusträgern. Die Meldung der Neuinfektionen liegt in den letzten Jahren immer unter 1000 Fällen (2008: 822; 2009: 746; 2010: 746). Bei vorwiegend asymptomatischen Verläufen ist aber mit einer großen Dunkelziffer zu rechnen. Deshalb gehen Schätzungen von 2500-5000 Neuerkrankungen und ca. 1500 Todesfällen pro Jahr aus. Man schätzt weiter, dass ca. 10% der akuten Erkrankungen in einer chronischen Hepaitis B enden. Von diesen wiederum kommt es bei 12-50% zur Zirrhose und bei 0,5-5% zum hepatozellulären Karzinom. In Deutschland sterben 100-150 Patienten jährlich an den Folgen der Hepatitis B-Infektion.

Neben einem relativ geringeren Risiko in Deutschland (HBsAg-Prävalenz ca. 0,5%) findet man schon im Mittelmeerraum ein mittleres und teilweise hohes Risiko (HBsAg-Prävalenz Ägypten 18,5%). Ähnliches gilt für Osteuropa und den Nahen Osten. Die Hepatitis B ist die zweithäufigste Reiseinfektion nach Hepatitis A, die sich durch eine Impfung verhindern lässt. Ansteckungshäufigkeit der Hepatitis B in Endemiegebieten liegt bei ca. 100 pro 100.000 Reisende pro Reisemonat.

Aus einer chronischen Infektion resultieren schließlich mögliche Folgeerkrankungen der Leber. So wird inzwischen angenommen, dass weltweit 57% aller Fälle von Leberzirrhose durch eine chronische Hepatitis verursacht sind (Hepatitis B: 30 %, Hepatitis C: 27 %). Auch das hepatozelluläre Karzinom ist mit 78 % der Fälle Folge einer viralen Infektion (Hepatitis B: 53 %, Hepatitis C: 25 %). Pro Jahr wird weltweit mit bis zu einer Million Todesfällen infolge von Hepatitis B- oder Hepatitis C-bedingten Leberzirrhosen oder Leberzellkarzinomen gerechnet.

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Reservoir und Übertragung

Der Mensch ist das einzige Reservoir für den Hepatits B-Virus. Hierbei bilden insbesondere besagte chronische Virusträger (HBsAg-positive) das Reservoir. Symptomarm oder symptomlos chronisch Infizierte mit hoher Virämie, also Viruslast im peripheren Blut, stellen hierbei ein hohes Infektionsrisiko dar.

Auf der anderen Seite tritt eine Hepatitis B in bestimmten Risikogruppen gehäufter auf. Eine entsprechende Zugehörigkeit oder ein Umgang mit einer Risikogruppe stellt somit auch eine Indikation für einen Schutz (vgl. Impfung):

  • Kontakt mit Blut, Blutprodukten oder Patienten
  • häufige operative Eingriffe, Übertragung von Blut oder Blutprodukten
  • Kontakt mit HBsAg-positiven im näheren Umfeld (Familie, Wohngemeinschaft, Gemeinschaftseinrichtung, Beruf)
  • Patienten in psychiatrischen Einrichtungen
  • promiskuitives Verhalten, sexueller Kontakt mit HBsAg-positiven, homosexueller Geschlechtskontakt
  • Drogenabhängige
  • längerwährender Stafvollzug
  • Reisen in einer Region mit höherer Hepatitis B-Prävalenz
Durch die seit langem durchgeführte Impfung von Risikogruppen und Kindern entfällt eine zunehmende Zahl von Infektionen auch auf "normale" Bürger.

Unsere Empfehlung: Jeder sollte sich impfen lassen!

Denn z.B. bei einem Unfallopfer fragt man vor der ersten Hilfe nicht nach möglichen Risikofaktoren für eine Hepatitis B. Und auch ohne diese könnte der Verunfallte HBsAg-positiv sein. Ein nachgewiesener Impfschutz gibt hier Sicherheit.

Steckbrief Erreger
Erreger: Hepatitis B-Virus (HBV)
DNA-Virus gehört zur Familie der Hepadnaviridae
Infektionsquelle: Das Reservoir des Hepatitis B Virus ist ausschließlich der Mensch.
Übertragung: Hepatitis B wird über infizierte Körperflüssigkeiten (Speichel, Blut, Tränenflüssigkeit, Samenflüssigkeit, Scheidenflüssigkeit,... ) übertragen.
Inkubationszeit: (30-)60-120(-180) Tage
Krankheitsbild:

Teilweise asymptomatische Verläufe (je nach Alter bis zu 70%).

Im akuten Stadium meist unspezifische Symptome (Leistungsschwäche, Gelenk- und Muskelschwäche, subfebrile Temperaturen, Übelkeit mit gelegentlichem Erbrechen, Fettintoleranz,...). Im Verlauf kann es eventuell zu einer Gelbsucht (Ikterus) kommen, dies ist jedoch eher seltener.

Krankheitsdauer: 6-8(-12) Wochen mit langer Rekonvaleszenz (mehrere Monate).

Sonderverläufe möglich:

  • fulminante Hepatitis B (0,5-1%), insbesondere bei gleichzeitiger Hepatitis D-Infektion (2%): Verlauf mit besonders ausgeprägter Leberentzündung; das Organ kann in kurzer Zeit völlig zerstört werden; häufig tödlicher Verlauf.
  • chronische Hepatitis B (5-10%, perinatal 90%, HDV-Superinfektion 90%, HDV-Simultaninfektion 5%): Bei diesen Personen heilt die Erkrankung nicht aus, die Leberentzündung wird chronisch. Das Spektrum der Ausprägung reicht hierbei von eigentlich gesund und nur minimale Leberveränderungen bis hin zu einer chronisch aggressiven Hepatitis B mit einer permanenten Leberentzündung.

Wird über einen längeren Zeitraum immer mehr Lebergewebe geschädigt, resultiert eine Leberzirrhose. Außerdem besteht eindeutig eine höheres Risiko, an einem Leberkarzinom zu erkranken.

Diagnose:

Die Diagnose wird klinisch, d.h. aus dem Krankheitsbild und der Vorgeschichte gestellt.

Eine genaue Abgrenzung der Hepatitis B von anderen Virushepatitiden ist jedoch nur durch entsprechende Blutuntersuchungen möglich, denn klinisch kann eine Hepatitis B auch wie eine Hepatitis A oder Hepatitis C aussehen.

Behandlung: Insgesamt ist die Therapie recht langwierig und nicht immer erfolgreich. Sie erfolgt mit Interferon alpha und Nukleosidanaloga.

Impfstoff

Beim ersten Impfstoff (1982), als Plasmaimpfstoff benannt, wurden die HBsAg-Proteine noch aus dem Blut chronischer Virusträger gewonnen. Nach mehrfachen Reinigungsverfahren und Inaktivierungsschritten isolierte man hieraus das HBsAg für den Impfstoff.

Eine hohe Chronifizierungsrate im Säuglingsalter (Wahrscheinlichkeit der Chronifizierung: Neugeborene und Säuglinge mit Ansteckung vor oder während der Geburt: 80-90%; Kleinkinder 30-40%; Erwachsene 5-10%) und eine noch hohe Impfbereitschaft der Eltern haben die STIKO-Empfehlungen (Ständige Impfkommission) des Robert Koch-Institutes 1995 veranlasst, eine allgemeine Impfempfehlung für die Hepatitis B im Säuglingsalter auszusprechen. Die Hepatitis B-Impfung wurde von einer Indikationsimpfung (1982) in eine Regelimpfung (vgl. Impfkalender) umformuliert (1995). Eine zuvor bestandene ausschließliche Impfempfehlung für Risikogruppen war gescheitert.

Der aktuelle Impfstoff enthält als Totimpfstoff nur das kleinste Oberflächenprotein (HBsAg) der Virushülle. Es wird heute mit gentechnischen Verfahren unter Verwendung von Hefeplasmiden (veränderte Hefezellen - Saccharomyces cerevisiae) gewonnen, gereinigt und an Aluminiumsalze absorbiert. Der monovalente Impfstoff enthält den Genotyp A2, der in Nordeuropa und den USA am häufigsten vertreten ist. Nach einer Impfung wird aber durch eine Kreuzimmunität auch ein Schutz gegenüber anderen Genotypen erreicht.

Der Vorteil der ausschließlichen Verwendung von HBsAg in Impfstoffen liegt in der Möglichkeit zur Unterscheidung von Infektion und Impfung. Nach einer Serokonversion (Bildung von Antikörpern) kann über die vorhandenen Antikörper (Anti-HBs, Anti-HBc) unterschieden werden, ob der Schutz durch eine Impfung oder durch eine Infektion erreicht wurde.

Der rekombinante Hepatitis B-Impfstoff wird in unterschiedlichen Variationen angeboten. Als Erwachsenen-Dosis, als Kinder-Dosis (halbe Menge) und für Dialysepatienten (4-fache Dosis). Außerdem sind verschiedene Kombinationsimpfstoffe (z.B. Twinrix® HAV-HBV oder T-D-aP-IPV-Hib-HBV) verfügbar.

Die Grundimmunisierung erfolgt mit drei Impfungen (vgl. Impfschema). Nach heutiger Meinung werden hier inzwischen ziemlich große Toleranzen bzgl. der Impfabstände zugelassen. Jedoch sollten die empfohlenen Zeitintervalle nicht unterschritten werden. Sonst gilt: Jede Impfung zählt!

Bezüglich der möglichen Auffrischung gibt es unterschiedliche Empfehlungen. Diese beruhen auch auf dem persönlichen Risiko. Derzeit gilt für Deutschland die allgemeine Empfehlung, eine Grundimmunisierung im Säuglingsalter durchzuführen. Nach dieser wird keine grundsätzliche Auffrischung durchgeführt. Bei einem entsprechenden Risiko hingegen wird eine erneute Impfung empfohlen. Anschließend sollte ein Ansprechen der Impfung durch eine Blutabnahme kontrolliert werden (vgl. Titerkontrolle). Je nach Risiko werden hier Wiederholungen meist in 10-jährigen Abständen empfohlen.

… Impfschutz und -Schutzdauer  
… Impfindikation und Impfempfehlung  

Grundimmunisierung

Die Grundimmunisierung erfolgt grundsätzlich in drei Impfungen (Monat: 0 - 1 - 6). Im Säuglingsalter werden vier Impfungen gegeben, was zu einer höheren Serokonversionsrate führt (Monat: 0 - 1 - 2 - 12). Für Dialyse-Patienen stehen herstellerspezifische Immunisierungsschemata (z.B. Engerix B® je 2 Dosen Monat 0-1-2-6; HBVaxPro® Monat: 0-1-6) zur Verfügung. Außerdem gibt es für einen schnellst möglichen Schutz (z.B. Reise) eine Schnellimmunisierung (Tage: 0 - 7- 21; Nachimpfung nach 1 Jahr für einen dauerhaften Schutz).

Nach heutiger Meinung werden hier inzwischen ziemlich große Toleranzen bzgl. der Impfabstände zugelassen. Jedoch sollten die empfohlenen Zeitintervalle nicht unterschritten werden. Sonst gilt: Jede Impfung zählt!

Grundsätzlich wird für alle Impfungen (ausgenommen Säuglinge/Kinder) eine Erfolgskontrolle per Anti-HBs-Titer empfohlen (vgl. Titer und Auffrischung). Insbesondere gilt dies bei mgl. Faktoren eines verringerten Ansprechens der Impfung (vgl. Dauer / Schutz) oder bei einem hohen Hepatitis B-Risiko für den Impfling (z.B. Reiseland, berufl. Risiko,…).

Auffrischung

Bezüglich der Notwendigkeit und des Zeitpunkts einer Auffrischungsimpfung herrscht noch keine eindeutige Meinung (vgl. Titer und Auffrischung). Während bei hohem Hepatitis B-Risiko oder bei einer beruflichen Indikation klare Regularien gefunden wurden (Impfempfehlungen nach Titer), gibt es für die Allgemeinheit noch keine klaren Empfehlungen. Während die STIKO (Ständige Impfkommision) des Robert Koch-Institutes keine generelle Wiederimpfung ohne Änderung der Impfindikation empfiehlt, werden in anderen Empfehlungen (vgl. Sächsische Impfkommission) generelle Auffrischungen alle 10 Jahre empfohlen. In Zukunft werden sich hier sicher eindeutige Empfehlungen ableiten lassen.
Schutz nach erfolgreicher Hepatitis B-Impfung

Für ein "normales" Risiko geht man heute davon aus, dass jemand, der einmalig eine nachgewiesene Immunisierung erlangt hat (Titer ≥100IE/l) auch bei späterem Abfallen einen ausreichenden Schutz besitzt, um eine akute und auch eine chronische Hepatitis B zu verhindern. Ein individuelles erhöhtes Risiko wird entsprechend durch die Empfehlungen zur Indikationsimpfung oder Empfehlungen durch die Arbeitsmedizin abgedeckt.

… Impferfolg, Titer-Kontrolle und Auffrischung  
… Impfindikation und Impfempfehlung  

Postexpositionsprophylaxe

Es stehen zwei Produkte für eine passive Immunisierung (HBIG = Hepatitis B-Immunglobulin) zur Verfügung: Ein i.m.-Impfstoff mit 200IE/ml Anti-HBs und ein i.v.-Serum mit 50IE/ml Anti-HBs.

Nach Kontakt mit Virusmaterial (z.B. Stichverletzung) sollte bei einem Ungeschützten (kein Impfschutz) frühstmöglich eine HBIG-Gabe erfolgen (ideal innerhalb von 4h; max. 48h). Spätere Gabe bringen wenig Erfolg.

Steckbrief Impfstoff
Impfstoff: Totimpfstoff (HBsAg), gentechnisch produziert
passive Immunisierung möglich

übliche Kombinationsimpfung:

Impfempfehlung: Teil der Standardimpfungen (vgl. Impfkalender)

Grundimmunisierung:

Grundimmunisierung (Standard) schnellere Immunisierung Schnellimmunisierung
  1. Dosis - Tag 0
  2. Dosis - 1 Monat nach Tag 0
  3. Dosis - 6 Monate nach Tag 0
  1. Dosis - Tag 0
  2. Dosis - 1 Monat nach Tag 0
  3. Dosis - 2 Monate nach Tag 0
  4. Dosis - 12 Monate nach Tag 0*
    (nötig für das "Langzeitgedächtnis")
  1. Dosis - Tag 0
  2. Dosis - Tag 7
  3. Dosis - Tag 27
  4. Dosis - 12 Monate nach Tag 0*
    (nötig für das "Langzeitgedächtnis")

* die 4. Impfdosis ist nötig für das "Langzeitgedächtnis". Insbesondere nach der Schnellimmunisierung garantiert sie den Impfschutz für die Zukunft.

Grundsätzlich gilt: Jede Impfung zählt! (vgl. Auffrischung und Titer)

Empfehlung für Deutschland: Teil der Grundimmunisierung, Indikationsimpfung (z.B. berufliche oder medizinische Indikationsimpfung, Sozialverhalten,... - vgl. Impfempfehlung für HBV, Impfplan), Reiseimpfung (Risikoindikation beachten! - vgl. Ansteckungsrisiko)

Impfschutz:
7 Monate nach der ersten Impfung (Tag 0) wird der Impfschutz mit ≥96% in der Literatur angegeben. 3 Monate nach der ersten Impfung (Tag 0) wird der Impfschutz bereits mit bis zu 89% in der Literatur angegeben.

Nach der letzten Impfung werden vergleichbare Schutzraten wie bei einer üblichen Grundimmunisierung erreicht (Monat 13: 95,8%).

28 Tage nach der ersten Impfung wird der Impfschutz bereits mit bis zu 65% in der Literatur angegeben (nach 2 Monaten 76%).

Nach der letzten Impfung werden vergleichbare Schutzraten wie bei einer üblichen Grundimmunisierung erreicht (Monat 13: 98,6%).

Grundsätzlich wird bei allen Immunisierungen eine Titerkontrolle empfohlen!

Die STIKO empfiehlt vor allem (beruflich) gefährdeten Personen und allen Personen >40 Lebensjahre eine Antikörperkontrolle (1-2 Monate nach der letzten Impfung).

Dauer: Wird durch die Grundimmunisierung eine Immunität erlangt (Titerkontrolle!), so garantiert dies möglicherweise eine lebenslange Immunität. Regelmäßige Auffrischungen (Boosterimpfungen) sind nicht nötig.

Eine Boosterung in festen zeitlichen Abständen oder einmalig bei Risikoexposition ist nur bei entsprechendem Hepatitis-Risiko empfohlen.

Genauere Informationen zu diesen Angaben finden Sie auf den aktuellen Impfempfehlungen des Robert-Koch-Institutes.

Auffrischung:

Eine grundsätzliche Auffrischung ist nach derzeitiger Ansicht nicht nötig. Für die "Normalbevölkerung" ist eine erfolgte Grundimmunisierung ausreichend. Ein einmalig erreichtes immunologisches Gedächtnis reicht lebenslang. Es wird lediglich empfohlen, dieses Erreichen (Responder) einmalig zu bestätigen (Laborchemische Kontrolle 4-8 Wochen nach der letzten Impfung).

Nur für spezielle Indikationen sind Auffrischungen (Boosterungen) alle 10 Jahre oder nach einer Exposition nötig. Hier erfolgt eine Impfempfehlung entsprechend einer Titerkontrolle. Man möchte ein Impfversagen (Non-Responder) nach Möglichkeit ausschließen.

Genauere Informationen zu diesen Angaben finden Sie auf den aktuellen Impfempfehlungen des Robert-Koch-Institutes.

Impfabstände:

aktive Immunisierung: Totimpfstoff - keine Impfabstände

passive Immunisierung - Abstand zu beachten!
Die Gabe von Immunglobulinen kann für einen Zeitraum von bis zu drei Monaten die Wirksamkeit von Impfungen mit Lebend-Impfstoffen wie z. B. gegen Mumps, Masern, Röteln und Varizellen beeinträchtigen. Nach Verabreichung von Immunglobulinen sollte ein Abstand von mindestens drei Monaten vor der Impfung mit Virus-Lebend-Impfstoffen eingehalten werden. Im Falle von Masern kann die Beeinträchtigung bis zu fünf Monaten anhalten. Deshalb sollten Patienten, die Masernimpfungen erhalten, ihren Antikörperstatus prüfen lassen.
Alter: Grundimmunisierung im ersten Lebensjahr (vgl. Impfkalender)
Lokal- und Allgemeinreaktionen:

Selten kann es innerhalb von 1-3 Tagen nach der Impfung zu unspezifischen Impfreaktionen kommen. Hierzu zählen lokal (ca. 1-10%): Rötung, Schmerzhaftigkeit und Schwellung an der Impfstelle; außerdem Allgemeinsymptome wie Temperaturerhöhung, grippeähnliche Symptome oder Magen-Darm-Beschwerden sind selten. Außerdem wird neben diesen Symptomen eine Leberwerterhöhung in seltensten Fällen (< 1:10.000) in zeitlichem Zusammenhang mit der Impfung beobachtet. In der Regel sind alle diese Reaktionen vorübergehender Natur und klingen rasch und folgenlos wieder ab.

Weiter wurden in Einzellfällen in der Fachliteratur über aufgetretene neurologische Störungen (Enzephalitis, Opticusneuritis, Myelitis, Guillian-Barré-Syndrom) und Blutgerinnungsstörungen (thrombozytische Purpura) in zeitlichem Zusammenhang mit einer Impfung berichtet. Ein kausaler Zusammenhang ist fraglich. Von einem zeitlichen und zufälligen Zusammentreffen wird derzeit ausgegangen. Weiter wurde ein Zusammenhang zwischen der Hepatitis B-Impfung und dem Auftreten oder der Verstärkung einer Multiplen Sklerose (MS) in den 1990er berichtet. Diese Vermutungen lassen sich nach derzeitigem Kenntnisstand jedoch nicht begründen. Es gibt derzeit keine Evidence für entsprechende Aussagen.

Komplikationen: In Einzelfällen wurde über schockartige und allergische Reaktionen berichtet.

weiterführende Seiten

Quellen: Epidemiologische(s) Bulletin(s), Robert Koch Institut
  - Epidemiologisches Bulletin 20/2010, Robert Koch Institut
  - Epidemiologisches Bulletin 28/2000, Robert Koch Institut
  - Epidemiologisches Bulletin 22/2002, Robert Koch Institut
  Bernhard-Nocht-Institut (Tropenmedizin Hamburg)
  www.reisemedizin.de
  www.impfakademie.de
  www.fit-for-travel.de
  www.impfservice.de
  www.impfen-aktuell.de
  www.reisemed.at
  Centrum für Reisemedizin
  WHO (www.who.int, www.who.int/immunization_monitoring)
   
  Gesundheitsberichterstattung des Bundes Hepatitis B, Gesundheitsbericht für Deutschland 1998
  Statistisches Bundesamt 2005. Fachserie 12, Reihe 4: Gesundheitswesen, Todesursachen in Deutschland 2003
  S. Pröll et al., Hepatitis A und B: Souvenirs, die keiner haben will. MMW 20, 2004
  Steffen et al., Int. I. Antimicrob. Agents, 2003; 21: 89-95

Hinweis: An dieser Stelle sind allgemeine Informationen zu der Erkrankung genannt. Auch die im Steckbrief aufgeführten Daten sind nur eine Zusammenfassung und beinhalten nicht alle möglichen Symptome oder Komplikationen nach einer Impfung. Hierzu bitten wir andere Quellen (z.B. www.fachinfo.de), zu Rate zu ziehen. Außerdem empfehlen wir für Patienten eine ärztliche Rücksprache zu Fragen vor einer entsprechenden Impfung.