Masern

Morbilli

Geschichte

Nach ausgedehnten Epidemien mit zahlreichen Todesopfern in der alten Welt brachten die Eroberer nicht nur ihre Kultur, sondern auch ihre Krankheiten mit in die neue Welt. Nach der Entdeckung Amerikas starb ein großer Teil der einheimischen Bevölkerung nicht etwa durch meuchelnde Cowboys, sondern an den aus Europa importierten Krankheiten.

Die Ureinwohner und somit auch ihr Immunsystem kannten bis dahin keine Masern (auch Pocken, Keuchhusten oder Typhus).1 Die Krankheitserreger trafen auf eine vollkommen unvorbereitete Population, sie waren für Masern virus-naiv. Es kam zu verheerenden Masernepidemien (Santo Domingo [1519], Guatemala [1523], Honduras [1529] und Mexiko [1531]), die sich in einer virus-naiven, also schutzlosen Population rasend ausbreiten konnten. So verstarben 1529 (Honduras) ca. 2/3 der einheimischen Bevölkerung, die zuvor schon durch eine Pockenepidemie dezimiert worden war.2

Bild: Thomas Sydenham, 1624-1689 drastische Reduktioin der Masernerkrankungen in den USA nach Einführung des Impfstoffes, Quelle: CDC

Während einer großen Epidemie in London grenzte der englischer Arzt Thomas Sydenham erstmalig die Masern im 17. Jahrhundert von anderen erythematösen, fieberhaften, ansteckenden Krankheiten (z.B. Scharlach) ab. Der französische Arzt Antoine Louis Gustave Béclère beschrieb später in einem seiner Werke ("Die Ansteckung mit Masern", 1882) die Maserninfektion. 1954 gelang es schließlich den Virologen John Franklin Enders (Nobelpreisträger aufgrund der Verdienste um die Polio) und Thomas Chalmers Peebles erstmalig das Virus zu isolieren. Aufgrund dieser Erkenntnis konnte 1958 ein Impfstoff entwickelt werden. Dieser stand seit 1963 zur Verfügung und wurde ab 1973 auch in Deutschland empfohlen.

Heute, viele Jahre nach der Einführung der Impfung, hat sich die Situation bei den damaligen Exporteuren der Masern geändert. Masernfälle werden immer seltener und vom Einzelnen nicht mehr als Bedrohung wahrgenommen. Komplikationen der Erkrankung werden erst recht nicht mehr von der breiten Masse bemerkt. Die Bedrohung Masern gerät in Vergessenheit. Die Masern werden zur "Kinderkrankheit aus der guten alten Zeit." Und der Impfstoff gerät aufgrund von Fehl- und Missinformation bei einigen sogar in Misskredit (vgl. MMR-Impfung und Autismus).

So kommt zur allgemeinen Impfmüdigkeit und schwindenden subjektiven Bedrohung durch die Masern auch eine Ablehnung gegenüber der Impfung. Die Durchimpfungsrate sinkt. Die Herdenimmunität der Bevölkerung nimmt ab.

Die Gefahr "Masern" ist vielen nicht mehr bewusst, da im persönlichen Umfeld vielleicht schon seit Jahrzehnten keine Masernerkrankung mehr aufgetreten ist. Hier ist der Einzelne und die Gruppe noch geschützt. Doch sinkt die Impfbereitschaft und somit auch die Durchimpfungsrate weiter, ist dieser Schutz nicht mehr gegeben. Lokale Ausbrüche sind dann auch im eigenen Umfeld möglich.

Und hier schließt sich der Kreis. Damals wurden Masern exportiert, heute können wir sie importieren. Ein Masernvirus als Urlaubsmitbringsel trifft ein virus-naives Immunsystem. Und schon kommt es zur Infektion. Diese kann sich dann in einer Gruppe von Ungeschützten ausbreiten...

immer wieder Masernausbrüche - Lesen Sie mehr... Link Pfeil

Erreger / Pathogenese

Bild: Masern-Virus, Quelle: CDC
Das Masernvirus ist ein umhülltes einzelsträngiges RNA-Virus aus der Familie der Paramyxoviren (Genus Morbillivirus: lat. Morbilli, Verkleinerungsform von Morbus: Krankheit). Das Masernvirus befällt ausschließlich den Menschen.

Die Hülle des Masernvirus enthält die Oberflächenproteine Hämagglutinin (H-Protein) und Fusionsprotein (F-Protein) sowie ein Matrixprotein (M-Protein).

In Sequenzierungen von Masernviren wurden bislang 23 unterschiedliche Genotypen (Variationen der genetischen Informationen) gefunden, die in acht Gruppen (A–H) eingeteilt werden. Sie dienen der regionalen Zuordnung und Aufklärung epidimiologischer Zusammenhänge. Die bisherigen Veränderungen des Virus (z.B. im Hämagglutinin) haben keinen Einfluss auf eine bestehende Immunität (nach Infektion oder Impfung).

Das Virus ist sehr empfindlich gegenüber äußeren Einflüssen wie erhöhten Temperaturen, Ultraviolettstrahlung (Licht), sowie aufgrund seiner Virushülle gegenüber Fettlöse- und Desinfektionsmitteln. An der Luft bleibt das Virus lediglich zwei Stunden infektiös.

Das Virus dringt über die Schleimhäute des oberen Respirationstraktes in den Körper ein. Nach einer lokalen Infektion und Vermehrung (Schleimhaut und lokale Lymphknoten) kommt es zur primären Virämie. Das Virus wird über das Blut im Körper verbreitet. Es kommt zur Infektion des retikulo-endothelialen Systems (Milz, Lymphkonten,...) und in einer sekundären Virämie zur Ausbreitung mit Infektion des Respirationstraktes (Lunge, Bronchien,...) und anderer Organe.

Ansteckung / Inkubation

Eine Übertragung des Masernvirus erfolgt durch eine Tröpfchen- oder Schmierinfektion. Hierbei dringt das Masernvirus über die Epithelzellen der Schleimhaut des Atemtrakts oder seltener über die Bindehaut der Augen in den Körper ein und es kommt zur Infektion. Das Masernvirus besitzt eine sehr hohe Kontagiosität, das heißt nach einem Kontakt mit einem Erkrankten ist das Risiko für Ansteckung sehr hoch (Kontagionsindex = 0,95 ).

Die Inkubationszeit beträgt (8-)10-14(-15) Tage.

Der größte Teil der Maserninfektionen verläuft typisch mit klassischen Krankheitszeichen, die schon früh in der Medizingeschichte beschrieben wurden. Inapparente oder subklinische Verläufe sind eher selten. Allenfalls erfolgt (auch aus der Erinnerung der Person) eine Verwechslung mit anderen Kinderkrankheiten (vgl. Masern in der Eigenanamnese).

Ein an Masern Erkrankter ist 3-5 Tage vor dem Ausbruch des typischen Hautausschlags und 2-4 Tage nach Verblassen des Hautausschlages ansteckend. Aufgrund der hohen Infektiosität (Kontagiositätsindex >95%) reichen im Mittel ein Kontakt von 1-2 Stunden für eine Ansteckung. Leider kann eine Maserninfektion aber auch ohne den typischen Ausschlag verlaufen, was eine Ausbreitung in einer Population beschleunigt. Insbesondere in der heutigen Zeit, wo Masern seltenst gesehen, können sie leichter "übersehen" bzw. verkannt werden. Deshalb ist es sicherlich ratsam, durch eine Impfung für einen ausreichenden Individualschutz und auch eine Herdenimmunität zu sorgen.

Krankheitsverlauf / Diagnostik

In der Inkubationszeit zeigt sich zuerst ein unspezifisches Prodromalstadium über 2-4 Tage (Schwankungsbreite 1-7 Tage). Dieses ist geprägt durch die Infektion der Schleimhäute der oberen Atemwege (Schnupfen, Husten,...) aber auch der Bindehäute (Konjunktivitis). Nach dem Eindringen des Virus in die Schleimhäute kommt es zur Infektion mit hohem Fieber (allgemeines Krankheitsgefühl, bellender Husten, Schnupfen, Lichtscheu und Bindehautentzündung).

Bild: Kolpink´sche Flecken, Quelee CDC Masernexanhem, Quelle. CDC
Auf der Wangenschleimhaut gegenüber den vorderen Backenzähnen findet man krankheitskennzeichnend für die Masern ein Enanthem, die sogenannten Koplik-Flecken, nach dem Kinderarzt Henry Koplik (1858-1927): weiße, kalkspritzerartige Flecken auf gerötetem Untergrund, 1–2 mm groß; Auftreten am 2-3. Erkrankungstag, meist kurz vor dem typischen Masernexanthem.

Nach weiteren 1-2 Tagen fällt das Fieber wieder ab, um schließlich erneut am nächsten Tag anzusteigen. Mit dem zweiten Fieberschub bildet sich unter Anstieg des Fiebers innerhalb von 3 Tagen der typische Masernausschlag (roter, großfleckiger Hautausschlag, konfluierend). Dieser beginnt typischerweise hinter den Ohren (retroaurikulär) und breitet sich über den ganzen Körper aus. Erreicht der Ausschlag die Füße, beginnt die Temperatur meist zu sinken. Die Flecken blassen in der Reihenfolge des Auftretens auch wieder ab. In der Regel ist das Exanthem nach 8-14 Tagen verschwunden. Sind die Beschwerden und das Exanthem nicht bis dahin rückläufig, wächst die Gefahr für Komplikationen im Krankheitsverlauf.

Abweichend von dem beschriebenen "klassischen" Verlauf einer Maserninfektion sind zwei abweichende Verläufe zu nennen. Die Komplikationen (vgl. unten) oder ein Verlauf ohne besagte Symptome. Hier kommt es zu einer so genannten stummen Feindung (Erregerkontakt und Immunität ohne Krankheitssymptome) oder zu geringen unspezifischen Symptomen. Für den einzelnen ist dies sicher unbedeutend, da keine Komplikationen auftreten. Es können aber andere Personen angesteckt werden. Da meist weder der Verdacht noch eine Diagnose Masern geäußert wird, besteht hier für das Umfeld eine große Ansteckungsgefahr. Kontaktpersonen gehen ohne Sorge mit dem Erkrankten um. Hier kann nur eine Impfung schützen!

Eine durchgemachte Masernerkrankung hinterlässt lebenslange Immunität.

Ein Problem liegt darin, dass klinisch exanthematische Erkrankungen (Masern, Röteln, Ringelröteln, Scharlach,... , ggf. allergische Ausschläge) leicht verwechselt werden. Dennoch erfolgt in den meisten Fällen lediglich eine klinische Diagnosestellung (vgl. Masern in der Eigenanamnese).

Laborchemisch ist derzeit die serologische Bestimmung von Masern-IgM-AK zur Sicherung einer Maserninfektion üblich. Auch der Nachweis von Virus-RNA mittels PCR (Polymerase-Kettenreaktion) ist möglich. Doch für beide Verfahren gilt, dass ein Infektionsnachweis leicht gelingt. Ein Ausschluss hingegen ist nicht sicher möglich.

In Deutschland sind durch das 2001 in Kraft getretene Infektionsschutzgesetz Krankheitsverdacht, Erkrankung und Tod ebenso wie der direkte oder indirekte Nachweis des Masernvirus meldepflichtig geworden (§6 IfSG). Leiter von Gemeinschaftseinrichtungen sind bei Kenntnis von Erkrankungsfällen zur Meldung an das Gesundheitsamt verpflichtet.

Bei Krankheitsverdacht oder Erkrankung besteht Tätigkeits- und Aufenthaltsverbot in Gemeinschaftseinrichtungen.

Komplikationen

Bei den Komplikationen muss man zwischen direkten Komplikationen durch das Masernvirus selbst und sekundären Komplikationen unterscheiden. Da eine Infektion mit dem Masernvirus eine vorübergehende (transitorische) Immunschwäche von etwa 6 Wochen verursacht, können sekundäre bakterielle Superinfektionen als Folge auftreten. In Summe wird das Komplikationsrisiko bei Maserninfektionen mit 20-30% beziffert.

Zu den häufigsten zählen hier:

  • Mittelohrinfektion (Otitis media) 5-15 %
  • Durchfälle 8 % (mit Eiweißverlust bei Säuglingen)
  • Lungenentzündung (Pneumonie) 4-7%
    • virale Masernpneumonie
    • als bakterielle Superinfektion
    • Riesenzellpneumonie bei Immunsuppression
      ACHTUNG: bei Immunsuppression gesteigerte Letalität: 30%
  • "Masernkrupp": sehr starker Husten und das charakteristische „Ziehen“ beim Atmen (Laryngotracheitis)
    ACHTUNG: Erstickungsgefahr! - sofortige Arzt / Klinikvorstellung
  • Entzündung der Hornhaut (Keratitis) mit resultierender Blindheit

Zu den besonders gefürchteten Komplikationen gehören die Infektionen im Bereich des ZNS. Sie sind zwar selten, die Prognose ist hingegen schlecht:

  • akute postinfektiöse Masernenzephalitis (1:1000 Fälle): 10-20% letal, 20-30% Defektheilung
  • subakute sklerosierende Panenzephalitis (SSPE): sehr seltene Spätkomplikation als degenerative ZNS-Erkrankung
    wahrscheinlich verursacht durch eine persisitierende ZNS-Infektion,
    Manifestation durchschnittlich nach 6-8 Jahren (Schwankungsbreite 1 Monat bis 27 Jahre),
    Auftreten in 1:10.000-100.000 Masernfälle; letaler Verlauf
  • Masern-Einschlusskörper-Enzephalitis bei Immunsuppremierten
    ACHTUNG: bei Immunsuppression gesteigerte Letalität: 30%

Therapie

Eine spezifische antivirale Therapie steht nicht zur Verfügung. Die Therapie beschränkt sich deshalb auf eine symptombezogene Behandlung (z.B. Fiebersenkung) und auf eine Verhinderung von Sekundärfolgen (z.B. Antibiose bei bakteriellen Superinfektionen).

Immunität

Grundsätzlich ist nach durchgemachter Infektion oder auch regelgerechter Immunisierung von einer lebenslangen Immunität bei normaler Immunkompetenz auszugehen.

Epidemiologie

Krankheitslast durch Masern, 2009
Disability-Adjusted Life Year, DALY (nach WHO-Daten) keine Daten
<10
10-25
25-50
50-75
75-100
100-250
250-500
500-750
750-1000
1.000-1.500
1.500-2.000
>2.000

 

Impfraten weltweit 2010, Quelle: WHO
Die Masern sind eine hochinfektiöse Erkrankung (Kontagiositätsindex >95%) des Menschen. Vor Einführung des Impfstoffes (1963, Deutschland 1973) galt sie als klassische Kinderkrankheit. Bis zu einem Alter von 10 Jahren hatte nahezu jedes Kinder eine Maserninfektion durchgemacht (>90% der Bevölkerung). Eine gewisse saisonale Häufung zeigte sich in unserer Klimazone in den Wintermonaten. Masern-Epidemien traten in 2-3-jährigen Abständen auf. Bei Säuglingen schützten noch mütterliche Antikörper (Nestschutz: diaplazentare Antikörper, Stillen) von immunkompetenten Müttern. Die Mütter besaßen nach einer Maserninfektion in ihrer Kindheit eine lebenslange Immunität und konnten somit auch ihr Kind schützen. Der Schutz der Säuglinge bestand im Mittel 6 Monate und nahm dann ab.

Doch wie sieht es heute aus ... ?

Vieles ist in den 50 Jahren geschehen, was die weltweite Masern-Situation verändert hat:
  • Einführung der Impfung (1963, Deutschland 1973)
  • Erweitertes Immunisierungsprogramm (EPI) der WHO 1970: Reduktion der Maserntodesfälle weltweit 750.000 (2000) auf 164.000 (2008)
  • Kombination mit Mumps und Röteln (MMR)
  • Ergänzung der Impfempfehlung der STIKO (Grundimmunisierung mit 2. Impfung, 1991)
  • WHO-Ziel der Masernelimination (ehemals 2010, jetzt für 2015 für Europa)
  • Impfgegner, Presseberichte über Autismus
  • Impfmüdigkeit bei sinkender Bedrohung

Das Virus kommt immer noch weltweit vor. Auch wird immer wieder über lokale Masernepidemien berichtet. Häufig in Entwicklungsländern, aber auch in Europa kommt es gelegentlich zu Ausbrüchen (ca. 7300 Masernfälle in Frankreich, 2011). Insgesamt konnte jedoch die Zahl der Erkrankungen durch große Impfkampagnen auch in Entwicklungsländern in den letzten Jahren eingedämmt werden. Der Anteil der Geimpften an der Bevölkerung steigt hier.

Bei den damaligen Importeuren, den europäischen Ländern, macht sich zunehmend eine Impfmüdigkeit breit. Nach einer Impfung 1973 in Deutschland und schließlich weltweit geplanter Ausrottung der Masern durch Impfprogramme (ähnlich wie Pocken oder Polio) verliert sich die subjektive Bedrohung der Bevölkerung. Masernfälle werden immer seltener und vom Einzelnen nicht wahrgenommen und einer Erkrankung Komplikationen erst recht nicht. Sie geraten in Vergessenheit. Die Masern werden zur "Kinderkrankheit aus der guten alten Zeit." Und der Impfstoff gerät bei einigen sogar in Misskredit.

Die Gefahr "Masern" ist vielen nicht mehr bewusst, da im persönlichen Umfeld vielleicht schon seit Jahrzehnten keine Masernerkrankung mehr aufgetreten ist. Dies ist aber Folge der hohen Durchimpfungsrate und einer bestehenden Herdenimmunität. Hier ist der Einzelne und die Gruppe geschützt. Doch sinkt die Impfbereitschaft und somit auch die Durchimpfungsrate, ist dieser Schutz nicht mehr gegeben. Lokale Ausbrüche sind möglich.

Reservoir und Übertragung

Der Mensch stellt für das Masernvirus das einzige Reservoir dar. Eine Übertragung erfolgt in den meisten Fällen als Tröpfcheninfektion. Es ist aber auch eine Schmierinfektion möglich.

Eine Ansteckungsfähigkeit des Erkrankten beginnt 3-5 Tage vor dem Ausbruch des typischen Hautausschlags und endet 2-4 Tage nach Verblassen des Hautausschlages. Aufgrund der hohen Infektiosität (Kontagiositätsindex >95%) reichen im Mittel ein Kontakt von 1-2 Stunden für eine Ansteckung.

Steckbrief Erreger
Erreger: Masernvirus (umhülltes einzelsträngiges RNA-Virus)
meldepflichtig sind Krankheitsverdacht, Erkrankung und Tod
Infektionsquelle: Sekrete von Erkrankten
Übertragung: Tröpfchen- oder Schmierinfektion
sehr hoher Kontagiositätsindex
Inkubationszeit: (8-)10-14(-15) Tage
Krankheitsbild: In einem unspezifische Prodromalstadium (2-4 Tage) kommt es zur Infektion der Schleimhäute der oberen Atemwege mit entsprechenden Symptomen (Schnupfen, Husten,... aber auch der Bindehäute = Konjunktivitis). An der Wangenschleimhaut findet man die typischen Koplik-Flecken (weiße, kalkspritzerartige Flecken auf gerötetem Untergrund). Neben diesen ist der biphasische (zweigipflige) Fieberverlauf häufig. Mit dem zweiten Fieberschub bildet sich unter Anstieg des Fiebers innerhalb von 3 Tagen der typische Masernausschlag (roter, großfleckiger Hautausschlag, konfluierend)
Eine durchgemachte Masernerkrankung hinterlässt lebenslange Immunität.
Diagnose: Die Diagnose wird klinisch, d.h. aus dem Krankheitsbild gestellt.
Eine ergänzende Labordiagnoistik ist möglich.
Behandlung: symptomatische Therapie, Verhinderung von Komplikationen

Impfstoff

Wie in der kurzen geschichtlichen Übersicht dargestellt schufen J.F. Enders und T.C. Peebles durch die Isolierung des Masernvirus 1954 die Grundlagen zur Impfstoffherstellung. Anfänglich standen neben dem noch heute gebräuchlichen attenuierter Lebendimpfstoff (= abgeschwächter Erreger) auch ein Totimpfstoff zur Verfügung. Dieser wurde aber aufgrund von ungenügender Wirksamkeit bei hohen Nebenwirkungen bereits nach kurzer Zeit vom Markt genommen.

Seit 1963 (Deutschland seit 1973) wird mit dem attenuierter Lebendimpfstoff geimpft. Viele der heute gebräuchlichen Impfstämme (z.B. Enders-Edmonston) leiten sich vom damaligen "Orginal"-Stamm ab. Er wurde nach einem Jugendlichen benannt, von dem das Virus isoliert wurde (Edmonston). Dieser selbst findet heute keine Verwendung mehr.

MMR+V vs. MMR-V

In Deutschland wird zur Immunisierung neben dem (noch verfügbaren) monovalenten Impfstoff (nur Masern) auch ein trivalenter Impfstoff in Kombination mit Mumps und Röteln (MMR) und ein tetravalenter Impfstoff in Kombination Mumps, Röteln und Varizellen (MMR-V) angeboten. Grundsätzlich sind Kombinationsimpfstoffe gegenüber monovalenten Impfstoffen vorzuziehen.

Die angebotenen MMR- und MMR-V-Impfstoffe sind als geichwertig anzusehen (Alterszulassung beachten!). Jedoch zeigte sich in zwei epidemiologischen Studien in den USA, dass bei einer Erstgabe eines MMR-V-Impfstoffes das Risiko für einen Fieberkrampf rund zweifach höher liegt als bei der Einzelgabe von MMR- und V-Impfstoffen (MMR+V).3 Diese Ergebnisse führten bereits zur Änderung der Impfempfehlungen in den USA und Änderungen der Fachinformation der Impfstoffhersteller. Für weitere Informationen empfehlen wir ein individuelles Beratungsgespräch.

Schutz

Alle Maserimpfstoffe erzeugen eine humorale und eine zelluläre Immunantwort. Dies bedeutet, dass sowohl Antikörper als auch Immunzellen gegen das Virus gebildet werden. Die erreichte Immunität ist mit einer natürlichen Maserninfektion vergleichbar, erreicht aber niedrigere Antikörper-Titer. Durch die Impfung lässt sich bereits eine hohe Schutzrate (Serokonversionsrate) erreichen. Bereits nach der ersten Impfung erzielt man eine Serokonversionsrate von >95%. Durch die zwei empfohlenen Impfungen steigt die Serokonversionsrate auf ≥99%. Monovalente und Kombinationsimpfstoffe unterscheiden sich hierbei nicht.

Bei 2-5% ist nach einer einmaligen Gabe ein primäres Impfversagen zu beobachten. Dies kann vielerlei Ursachen haben (z.B. Masern-Antikörper nach vorheriger passiver Immunisierung oder noch vorhandene mütterliche Antikörper, unwirksame Impfcharge, Applikationsfehler, Lagerungs-/Transportfehler,…). So wird eine 2. Impfung als Kompletierungsimpfung empfohlen. Nach dieser kann in der Regel eine Immunantwort generiert werden. Neben diesem zweifellos bedeutungsvollen Grund für die zweite Immunisierung ist fraglich, ob eine einmalige Impfung ausreichend ist für einen lebenslangen Schutz. Derzeit geht man bei einer zweimaligen Gabe im Regelfall von einer lebenslangen Immunität aus.

Es gibt in der Fachliteratur derzeit keine Hinweise auf vermehrt auftretende Nebenwirkungen nach mehrmaliger oder überzähliger MMR-Impfungen. Eine Altersbegrenzung für die MMR-Impfung besteht im Gegensatz zur MMR-V-Impfung nicht, die Impfung kann daher in jedem Alter erfolgen.

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Kontraindikation

Der attenuierte, also abgeschwächte ("nicht so krank machende", aber Immunität erzeugende) Impfvirus wird heute auf Hühnerembryozellen angezüchtet. Bei einer Verimpfung ist Verschiedenes zu beachten: zum einen eine mögliche allergische Reaktion (Hühnereiweiß!) und zum anderen, dass es sich um einen Lebendimpfstoff handelt, also um einen vermehrungsfähigen Erreger. Neben verschiedenen Besonderheiten bei der Handhabung ergeben sich auch einige zusätzliche Einschränkungen und Kontraindikationen (Näheres siehe Fachinfo des Herstellers):

  • Überempfindlichkeit gegen eine Impfung (z.B. MMR-Impfung) oder auch Bestandteil des Impfstoffs (z.B. Hühnereier)
  • Schwangerschaft (Außerdem sollte nach einer Impfung bzw. Immunisierung eine Schwangerschaft verhindert werden)
  • Erkrankungen mit Fieber >38,5 °C
  • Aktive, unbehandelte Tuberkulose
  • Pathologische Blutbildveränderungen (Leukämie, Lymphome oder andere Malignome mit Auswirkung auf das hämatopoetische oder lymphatische System)
  • Angeborene oder erworbene Immundefekte (HIV, Leukämie,…) sowie eine Immunsuppressive Behandlung (einschließlich hoher Dosen von Kortikosteroiden)
    Vor einer geplanten Immunsuppresion sollte somit nach Möglichkeit eine Immunisierung abgeschlossen sein!
  • Minderung des Impferfolges durch die Gabe Blut-/Blutprodukten (z.B. Bluttransfusion) oder Immunglobulinen (passive Immunisierung - z.B.Tetagam®) für 3-11 Monate

Die meisten Kinder vertragen die Impfung gut. Durch die Lebendimpfung kommt es zu einer abgeschwächten Infektion. Somit kommt es gehäuft zu einer leichten Hautrötung oder Schwellung an der Impfstelle. Vereinzelt können auch leichte Symptome der Impfkrankheit auftreten. Es wird über leichtes Fieber, eventuell sogar einen flüchtigen Hautausschlag (Impfmasern) und sehr selten auch über Gelenksschmerzen innerhalb der ersten Wochen nach der Impfung berichtet. Auch aus diesem Grund sollte man bei einem bestehenden Infekt (Fieber > 38,5°C) auf eine Impfung verzichten und den Termin verschieben. Vergessen werden sollte die Impfung aber nicht! Ein leichter grippaler Infekt hingegen ist kein Hinderungsgrund für eine Impfung mit einem Lebendimpfstoff. Auch bei Kindern mit Neurodermitis wird die Impfung heute uneingeschränkt empfohlen.

Übertragung des Impfvirus

Grundsätzlich wäre bei einer Lebendimpfung eine Übertragbarkeit des Impfvirus auf ungeschützte Personen ähnlich der Impfpolio theoretisch möglich. Doch wurde dies in den langen Jahren der Anwendung, auch beim Röteln- und Mumpsimpfstoff, bisher nicht beobachtet. Eine Übertragung der Varizellen (MMR-V-Impfstoff) ist hingegen in seltenen Fällen möglich (vgl. Übertragung Varizellen bei Impfung)

Grundimmunisierung

Die Grundimmunisierung erfolgt heute mit zwei Masern-Impfungen. Diese werden entsprechend des Impfkalenders der STIKO (Ständige Impfkommision des Robert Koch-Institutes) als Kombinationsimpfungen (Mums-Masern-Röteln: MMR bzw. Mumps-Masern-Röteln-Varizellen: MMR-V) in einem 4-6-wöchigen Abstand (vgl. Fachinformation) empfohlen.

Um eine Beeinträchtigung durch mütterliche Antikörper zu umgehen, wählte man für die Impfungen die Intervalle zwischen dem 11.-14. Lebensmonat bzw. 15.-23.Lebensmonat.

Impfung für alle nach 1970 Geborenen

Im Rahmen der Novellierung der Impfempfehlungen 2010 erweiterte die STIKO die Nachholungs-Empfehlungen für die Masern-Impfung. Neben der Empfehlung, alle gebärfähigen Frauen zwei Mal im Leben gegen Röteln zu impfen (vorzugsweise als MMR-Impfstoff) sollten Personen beider Geschlechter, die nach 1970 geboren waren und eine unzureichende Masern-Immunisierung aufwiesen (unklar, ohne oder nur einmal geimpft) einmalig eine Masernimpfung (vorzugsweise als MMR-Impfung) erhalten.

Grundsätzlich ist eine Impfung in jedem Alter möglich und auch sinnvoll. Erwachsene, die keine Immunität gegen Masern (sowie Mumps oder Röteln) besitzen, sollten sich impfen lassen. Die "Kinderkrankheiten" zeigen im Erwachsenenalter teilweise eine wesentlich höhere Komplikationsrate als bei einer "typischen" Infektion im Kindesalter.

Impfungen vor dem 11. Lebensmonat

Bei einer geplanten frühzeitigen Aufnahme in eine Gemeinschaftseinrichtung (z.B. Kindergarten,…) oder bei möglichem Kontakt kann eine Impfung bereits vor dem empfohlenen Alter mi einem MMR-Imptoff (Mumps-Masern-Röteln) erfolgen. Eine Impfung ist ab dem 9. Lebensmonat möglich. In diesem Fall muss die 2. Impfung unbedingt bereits im 2. Lebensjahr wiederholt werden, da im 1. Lebensjahr persistierende mütterliche Antikörper die Impfviren neutralisieren können.

Für eine Impfung von Säuglingen unter 9 Monaten fehlen derzeit noch umfassende Daten zu Sicherheit und Wirksamkeit der Impfstoffe. Hier ist vornehmlich das direkte Umfeld zu schützen. Innerhalb von individuellen Risiko-Nutzen-Abwägungen kann eine Impfung dennoch im Alter von 6 bis 8 Monaten ausnahmsweise begründet werden. Um eine langfristige Immunität zu erzeugen, sollten zwei weitere Impfungen im 2. Lebensjahr erfolgen. Alternativ können aber auch Immunglobuline in Betracht gezogen werden.

Auffrischung

Bei lebenslanger Immunität gibt es keine Auffrischungsimpfungen im eigentlichen Sinne.

Postexpositionsprophylaxe

Eine Impfung binnen 3 Tagen kann evtl. eine Erkrankung verhindern. Des Weiteren sollte bei allen möglichen Kontaktpersonen im Sinne einer Regelimpfung der Impfstatus kontrolliert und gf. ergänzt werden.

Steckbrief Impfstoff
Impfstoff: Lebendimpfstoff

eine Impfung erfolgt üblicherweise in Kombinationsimpfung:

Impfempfehlung: Teil der Standardimpfungen für Kinder und Jugendliche (vgl. Impfkalender)

Grundimmunisierung: 11.-14. Lebensmonat bzw. 15.-23.Lebensmonat.

Ergänzung seit 2010: 1x Impfung für Personen, die nach 1970 geboren wurden mit unzureichende Masern-Immunisierung (unklar, ohne oder nur einmal geimpft)

Grundsätzlich gilt: Jede Impfung zählt!

Empfehlung für Deutschland: derzeit nicht Teil der Standardimpfungen, Indikationsimpfung (z.B. berufliche oder medizinische Indikationsimpfung), Reiseimpfung (Risikoindikation beachten!)
Auffrischung: keine
Impfabstände: Als Lebendimpfstoff sind Abstände zu anderen Lebendimpfungen (z.B. Rotaviren, Mumps, Röteln, Varizellen, Gelbfieber, ...) und zu einer möglichen passiven Immunisierung (z.B. Tetagam®) zu beachten.

andere Lebendimpfungen
Andere Lebendimpfungen können entweder gleichzeitig (z.B. MMR / MMR-V) oder in einem Abstand von mind. 4 Wochen (besser 6 Wochen) gegeben werden. Zu Totimpfstoffen ist kein besonderer Abstand einzuhalten.

passive Immunisierung - Abstand zu beachten!
Die Gabe von Immunglobulinen kann für einen Zeitraum von bis zu drei Monaten die Wirksamkeit von Impfungen mit Lebend-Impfstoffen wie z. B. gegen Mumps, Masern, Röteln und Varizellen beeinträchtigen. Nach Verabreichung von Tetagam® sollte ein Abstand von mindestens drei Monaten vor der Impfung mit Virus-Lebend-Impfstoffen eingehalten werden. Im Falle von Masern kann die Beeinträchtigung bis zu fünf Monaten anhalten. Deshalb sollten Patienten, die Masernimpfungen erhalten, ihren Antikörperstatus prüfen lassen.
Alter:

Grundimmunisierung zwischen dem 11.-14. Lebensmonat bzw. 15.-23.Lebensmonat.

Nachholimpfung grundsätzlich in jedem Alter möglich (vgl. Impfkalender)

Lokal- und Allgemeinreaktionen: Neben den Lokalreaktionen kommt es bei der Masernimpfung selten zu leichtem Fieber und eventuell sogar zu einem flüchtigen Hautausschlag, den sogenannten "Impfmasern". Weitere Allgemeinsymptome wie Temperaturerhöhung, grippeähnliche Symptome oder Magen-Darm-Beschwerden treten gelegentlich auf. Extrem selten kann die Masernimpfung zu einer postvakzinalen (meist harmlosen) Meningitis führen. In der Regel sind die Lokal- und Allgemeinreaktionen vorübergehender Natur und klingen rasch und folgenlos wieder ab.
Komplikationen:

Allergische Reaktionen sind wohl aufgrund des Herstellungsverfahrens (Hühnerembryone) besonders zu erwähnen. Bei bekannter Allergie gegen Hühnereiweiße ist eine Impfung nicht möglich.

Weiter wurden Fieberkrämpfe bei Säuglingen, insb. bei Kombinationsimpfstoffen (MMR-V) beobachtet. Weitere Behauptungen wie eine Verursachung von Autismus konnte widerlegt werden.

Weitere Informationen entnehmen Sie bitte der Fachinformation des Herstellers.

weiterführende Seiten

Quellen: Epidemiologische(s) Bulletin(s), Robert Koch Institut
  3) Epid Bull 38/2011
  Bernhard-Nocht-Institut (Tropenmedizin Hamburg)
  www.reisemedizin.de
  www.impfakademie.de
  www.fit-for-travel.de
  www.impfservice.de
  www.impfen-aktuell.de
  www.reisemed.at
  Centrum für Reisemedizin
  WHO (www.who.int, www.who.int/immunization_monitoring)
   
  1) Bianchine PJ, Russo TA.: The role of epidemic infectious diseases in the discovery of America. Allergy Proc. 1992 Sep-Oct;13(5):225-32. PMID 1483570
  2) Roy Porter: Die Kunst des Heilens: Eine medizinische Geschichte der Menschheit. Heidelberg, Berlin (Spektrum) 2003 (ISBN 3-8274-1454-7) S. 166

Hinweis: An dieser Stelle sind allgemeine Informationen zu der Erkrankung genannt. Auch die im Steckbrief aufgeführten Daten sind nur eine Zusammenfassung und beinhalten nicht alle möglichen Symptome oder Komplikationen nach einer Impfung. Hierzu bitten wir andere Quellen (z.B. www.fachinfo.de), zu Rate zu ziehen. Außerdem empfehlen wir für Patienten eine ärztliche Rücksprache zu Fragen vor einer entsprechenden Impfung.