Pneumokokken

Erreger / Pathogenese

Pneumokokken, Quelle: CDC
Streptococcus pneumoniae ist ein bekapseltes, gram-positives Bakterium. Morphologisch wird es zur Gruppe der Diplokokken (paarweise gelagerte Bakterien) gerechnet, was sich auch in der historischen Bezeichnung Diplococcus pneumoniae widerspiegelt.

Die Kapsel besteht aus verschiedenen Polysacchariden (Mehrfachzuckern). Bislang konnten mehr als 90 verschiedene Serotypen mit unterschiedlicher Kapselstruktur identifiziert werden. Diese Kapsel ist verantwortlich für die Pathogenität der Erreger, sie schützt die Bakterien vor Phagozytose (Aufnahme durch Fresszellen des Körpers).

Es leiten sich durch die Kapsel verschiedene wichtige Eigenschaften ab:

  • Bei den Serotypen zeigt sich eine geographische Häufung bzw. Verteilung.
  • Die Serogruppen unterscheiden sich in Virulenz und Organselektivität.
    Einige verursachen „typischerweise“ (häufig auch schwerer verlaufende) Pneumonien, andere verursachen "nur" Schleimhautinfektionen im Nasen-Rachenraum.
  • Einzelne Serotypen besitzen eine unterschiedlich hohe Antibiotikaresistenz.
  • Die Kapsel, also der Serotyp, ist das immunogenitätserzeugende Antigen. Gegen die Polysaccharide werden Antikörper vom Immunsystem gebildet.
    Auch der Impfstoff enthält diese Polysaccharide.

Aber auch hier gibt es seltenere und häufigere Serotypen. Rund 80-90% der invasiven Pneumokokkeninfektionen im Erwachsenenalter weltweit werden durch die 23 Serotypen (1-5, 6B, 7F, 8, 9N, 9V, 10A, 11A, 12F, 14, 15B, 17F, 18C, 19A, 19F, 20, 22F, 23F und 33F) im derzeit verfügbaren Impfstoff verursacht. Ähnliches gilt auch für den Kinderimpfstoff. Auch hier sind die häufigsten "Vertreter" in dieser Alterklasse enthalten.

Die Pneumokokken sind häufig ein Bestandteil der Mund-und-Rachen-Flora. Man findet in 5-10% bei gesunden Erwachsenen und 20-40% bei gesunden Kindern Pneumokokken als transienten Bestandteil der physiologischen Flora im Nasen-Rachen-Raum.

Verschiedene Faktoren können nun zu einer übermäßigen Ausbreitung der Bakterien führen. Häufigste Ursache ist wohl eine Virusinfektion (z.B. grippaler Infekt). Die Bakterien können sich quasi als Superinfektion über die Maßen ausbreiten und gelangen z.B. über die Tuba auditiva (eustachii) in das Mittelohr und führen hier zur Entzündung (Otitis media). Auch eine Sinusitis (Entzündung der Nasennebenhöhlen) ist durch die Ausbreitung der Pneumokokken möglich.

Gelangen Keime in die Bronchien oder die Lunge (Alveolen) kann dies zu einer Lungenentzündung (Lobär- bzw. Bronchopneumonie) führen. In einigen Fällen ist eine Überwindung der Schleimhautbarriere durch die Pneumokokken möglich. Die Erreger können sich dann über die Blutbahn im Körper ausbreiten (Sepsis). Nach Überschreiten der Blut-Hirn-Schranke kann es zu einer Entzündung der Hirnhäute und/oder des Gehirns (Meningoenzephalitis) kommen.

Ansteckung / Inkubation

Eine Übertragung der Pneumokokken erfolgt als Tröpfcheninfektion.

Bezüglich einer Inkubationszeit kann keine Angabe erfolgen, da die Pneumokokken wie beschrieben unter anderem zur Flora des Nasenrachenraums gehören können. Man ist so quasi Träger ohne oder mit Symptomen.

Krankheitsverlauf / Diagnostik

Wie bereits erwähnt, besiedeln die Pneumokokken als Teil der Flora den Nasenrachenraum ohne Krankheitswert. Verschiedene Faktoren können das Gleichgewicht jedoch dahingehend beeinflussen, dass sich eine symptomatische Erkrankung entwickelt. Als Risikofaktoren haben sich verschiedene herauskristallisiert, die sich entsprechend auch teilweise in den Impfempfehlungen wiederfinden:
  • Säuglinge, Kleinkinder (Impfempfehlung für alle Kinder bis 24 Monate)
  • Erwachsene ≥60 Jahre (vgl. Impfkalender)
  • Vorangehende Infekte (z.B. grippaler Infekt)
  • Beeinträchtigung des Immunsystems (angeborene oder erworbene Immundefekte mit T- und/oder B-zellulärer Restfunktion)
    • funktioneller oder anatomischer Asplenie (Fehlen der Milz)
    • Krankheiten der blutbildenden Organe
    • vor Organtransplantation
    • immunsuppressive Therapie (Impfung VOR Beginn der Therapie!)
  • chronische Erkrankungen
  • Exposition gegenüber Metallrauch einschließlich metalloxidischem Schweißrauch

Mittelohrentzündung (Otitis media)

Durch Keime aus dem Nasenrachenraum kommt es in den meisten Fällen über die Tuba auditiva (eustachii) zur Infektion des Mittelohrs. Neben vielen anderen Erregern (Streptococcus pyogenes, Haemophilus influenzae, Moraxella catarrhalis und Staphylokokken) sind sicherlich auch die Pneumokokken, insbesondere im frühen Kindesalter, zu den häufigeren Vertretern zu rechnen.

Nasennebenhöhlenentzündung (Sinusitis)

Neben der Mittelohrentzündung kommt es, auch hier insbesondere als Superinfektion im Rahmen von vorangegangenen meist viralen Infekten, zur Besiedlung und Infektion der Nasennebenhöhlen.

Lungenentzündung (Pneumonie)

Eine Entzündung der Lunge wird durch Pneumokokken (außerhalb von Krankenhäusern) sehr häufig verursacht. Dies war so auch namensgebend für die Bakterien. Häufig kommt es zu einem raschen und schweren Krankheitsverlauf mit hohem Fieber, Husten, Auswurf, erschwerter Atmung und einem deutlich reduzierten Allgemeinzustand. Meist ist ein Lungenlappen (Lobärpneumonie) betroffen. Eine rasche antibiotische Therapie ist von Nöten. Sie bringt in der Regel Linderung. Eine vollständige Genesung tritt nach Wochen, bei schweren Verläufen nach Monaten ein. In seltenen Fällen ist auch ein letaler Ausgang möglich (bis zu 10%).

Bakteriämie / Sepsis

Bei den Infektionen kann es zum Eindringen des Erregers in die Blutbahn kommen (Bakteriämie). Dies war im Säuglings- und Kleinkindesalter eine der häufigsten Komplikationen vor der Impfaera (vgl. Impfplan). Folge können z.B. eine Endokarditis (Entzündung der Herzinnenwand) sein.

Meningitis / Meningoenzephalitis

Nach Aussaat über das Blut kann auch die Blut-Hirn-Schranke überwunden werden. Hier kommt es dann zur Hirnhautentzündung (Meningitis) oder sogar zur Mitbeteiligung des Gehirns (Meningoenzephalitis). Die Pneumokokken zählen zu den häufigsten Erregern bakterieller Meningitiden.

Diagnostik

Direkter Erregernachweis im Untersuchungsmaterial (Sputum, Blutkultur, Liquor,…)

Immunität

Neben einer zunehmenden Antibiotikaresistenz der verschiedenen Serotypen stellt die begrenzte Immunität ein weiteres Problem dar. Nach überstandener Erkrankung besteht eine Immunität gegen den jeweiligen Serotyp. Eine Kreuzimmunität ist zu vernachlässigen.

Therapie

Je nach Erkrankungsbild erfolgt eine ambulante (z.B. Otitis media) oder stationäre (z.B. Meningitis) antibiotische Therapie. Neben dieser werden auch mögliche Komplikationen und Begleiterkrankungen behandelt.

Ein Problem ist die Zunahme der Antibiotika-Resistenzen.

Ein weiterer erschwerender Punkt in der Therapie ist der häufig rasante Verlauf von Pneumokokken-Erkrankungen. Trotz einer adäquaten antibiotischen Therapie kann die Erkrankung innerhalb von wenigen Tagen zum Tode führen.1

Epidemiologie

Pneumokokken zählen zur Flora des Nasenrachenraumes. Symptomfreie Träger stellen das Reservoir. Über die Anteile der Träger in den Altersklassen gibt es unterschiedlichste Angaben in der Literatur. Auch wird über eine jeweils gleichzeitige Besiedlung mit mehreren Serotypen berichtet, deren Vertreter im Verlaufe des Lebens wechseln können.

Auch als Krankheitserreger gelten sie als häufig. Da aber in vielen Fällen keine genauere Diagnostik erfolgt, gibt es zu Prävalenz oder Inzidenz keine genauen Zahlen.

Laut Schätzungen sterben in Deutschland jährlich 12.000 Menschen an einer Pneumokokken-Erkrankung.1 Andererseits verursachen Pneumokokken jährlich 80.000 bis 135.000 Krankenhausaufenthalte.2

Es zeigen sich verschiedene Risikofaktoren bzw. Hauptrisikogruppen für eine Infektion bzw. den Übergang vom asymptomatischen Trägertum zur symptomatischen Infektion. Zu diesen zählen vor allem:

  • Alter (Personen ≥60 Jahre)

    Sicherlich eine der bedeutendsten Risikofaktoren ist das Alter. Hinsichtlich der Anzahl der Neuerkrankungen (Inzidenz) und eines möglichen tödlichen Ausgangs der Erkrankung (Letalität) steigt das Risiko mit zunehmendem Alter bereits bei über 50-Jährigen an.3 Dass Alter ein deutliches Risiko darstellt, äußert sich in Vielem:

    • Inzidenz invasiver Pneumokokken-Erkrankung: >65 Jahre bei ≥50/100.000/Jahr (Gesamtbevölkerung: ≥15/100.000/Jahr)2
    • Letalitätsrate der Pneumokokken-Bakteriämie: >65 Jahre: 30-50% (Gesamtbevölkerung: 16-36%)4
    • Die meisten Todesfälle durch Pneumokokken (80-90%) entfallen auf >60-Jährige.5
    • Aber auch im Säuglingsalter zeigt sich eine begrenzte Risikosteigerung.

  • Chronische Erkrankungen

    Neben dem Alter stellen chronische Erkrankungen einen weiteren Risikofaktor dar. Wobei meist ältere Menschen auch unter chronischen Erkrankungen leiden (Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems [z.B. Herzinsuffizienz,…], der Atemwege [z.B. Asthma, COPD,…], Diabetes mellitus oder andere Stoffwechselerkrankungen, Erkrankungen der Niere, neurologische Erkrankungen [z.B. Insult, Epilepsie,…], angeborene oder erworbene Immundefekte [z.B. Chemotherapie, Asplenie,…],…).
    Diese Komorbidität trägt zu einer deutlichen Risikoerhöhung bei. Eine Erkrankung mit Pneumokokken kann bei diesen chronischen Erkrankungen zum einen zu einer Verschlechterung des Grundleidens und zum anderen zu einem schwereren Verlauf der eigentlichen Infektion führen.

  • Zigarettenrauch (aktiv und passiv)

    Zigarettenrauchen wird für gesunde immunkompetente Menschen (<65 Jahre) als stärkster unabhängiger Risikofaktor für invasive Pneumokokken-Erkrankungen gewertet. Das Risiko für eine invasive Pneumokokken-Erkrankung ist durch Zigarettenrauch 4x erhöht.6 Und dieses Risiko ließe sich durch einfache Abstinenz minimieren! Sein Alter kann man sicherlich nicht reduzieren und eine chronische Grunderkrankung nur bedingt beeinflussen. Aber Rauchen muss man nicht!

  • Längerer näherer Körperkontakt, Gemeinschaftseinrichtungen

    Sicherlich erhöht ein nahes Zusammenleben das Übertragungsrisiko. Es kann eine weitere Besiedlung mit neuen Serotypen erfolgen. Weiter besteht auch hier ein erhöhtes Risiko für andere Infektionskrankheiten. So können sich asymptomatische Träger im Rahmen einer Erkrankung zu symptomatischen Erkrankten wandeln.

  • Virusinfektion (z.B. grippaler Infekt)

    Bei Virusinfektionen ist das Immunsystem "beschäftigt" und die in der Mund-und-Rachen-Flora vorhandenen Pneumokokken können sich ausbreiten. Es kommt zur Infektion. (vgl. Erreger/Pathologie)

  • trockene Schleimhäute (Winter, Heizungsluft)

    Insbesondere trockene Schleimhäute scheinen die Ausbreitung der Pneumokokken oder auch anderer Erreger zu begünstigen. Die trockene Luft im Winter oder insb. trockene Heizungsluft kann zu einem verstärkten Austrocknen der Schleimhäute führen und so eine Infektion begünstigen.

  • Metallrauch (Schweißen, Metallverarbeitung)

    Neben den genannten Risikofaktoren gibt es für eine Pneumokokken-Pneumonie auch die Exposition gegenüber Metallrauch einschließlich metalloxidischem Schweißrauch. Diese finden sich bei (beruflichen) Tätigkeiten wie z.B. Schweißen und Trennen von Metallen.

 

Dies spiegelt sich auch in den Impfempfehlungen der STIKO (ständige Impfkommission des Robert Koch-Institutes) wider. Personen mit einem erhöhten Risiko einer symptomatischen Infektion sollten aufgrund diese gesteigerten Risikos nicht nur eine Grundimmunisierung erhalten, sondern auch eine regelmäßige Auffrischung (vgl. "Nomale Impfempfehlung": alle Kinder ≤24 Monate und alle Erwachsenen ≥60 Jahre [vgl. Impfempfehlung] erhalten hingegen nur eine Grundimmunisierung):

  • Angeborene oder erworbene Immundefekte bzw. Immunsuppression
    • T-Zell-Defizienz bzw. gestörte T-Zell-Funktion
    • B-Zell- oder Antikörperdefizienz (z.B. Hypogammaglobulinämie)
    • Defizienz oder Funktionsstörung von myeloischen Zellen (z.B. Neutropenie, chronische Granulomatose, Leukozytenadhäsionsdefekte, Signaltransduktionsdefekte)
    • Komplement- oder Properdindefizienz
    • funktioneller Hyposplenismus (z.B. bei Sichelzellanämie), Splenektomie oder anatomische Asplenie
    • neoplastische Krankheiten
    • HIV-Infektion
    • nach Knochenmarktransplantation
    • immunsuppressive Therapie (z.B. wegen Organtransplantation oder Autoimmunerkrankung)
    • Immundefizienz bei chronischem Nierenversagen, nephrotischem Syndrom oder chronischer Leberinsuffizienz
  • Sonstige chronische Krankheiten
    • chronische Erkrankungen des Herzens
    • chronische Erkrankungen der Atmungsorgane (z. B. Asthma, Lungenemphysem, COPD)
    • Stoffwechselkrankheiten (z.B. Diabetes mellitus
    • neurologische Krankheiten (z. B. Zerebralparesen oder Anfallsleiden)
  • Anatomische und Fremdkörperassoziierte Risiken für Pneumokokken-Meningitis
    • Liquorfistel
    • Cochlea-Implantat
  • Berufliches Risiko: Exposition gegenüber Metallrauch einschließlich metalloxidischem Schweißrauch

Reservoir und Übertragung

Die Übertragung erfolgt als Tröpfcheninfektion. Hierbei zeichnen sich die Pneumokokken nicht durch eine hohe Umweltresistenz aus (Produktion von Autolysin außerhalb vom Wirt).

Dies jedoch ist im Grunde unbedeutend, da es sich in der Regel um eine Infektion aus der bereits besiedelten Mund-und-Rachen-Flora handelt (endogen).

Steckbrief Erreger
Erreger: Streptococcus pneumoniae (bekapseltes, gram-positives Bakterium)
bisher über 90 Serotypen bekannt
Infektionsquelle: weltweit verbreitet
transienter Bestandteil der Nasen-Rachen-Flora
Übertragung: Tröpfcheninfektion
Inkubationszeit: -
Krankheitsbild:
  • Mittelohrentzündung (Otitis media)
  • Nasennebenhöhlenentzündung (Sinusitis)
  • Lungenentzündung (Pneumonie)
  • Bakteriämie / Sepsis
  • Meningitis / Meningoenzephalitis
Diagnose: Direkter Erregernachweis im Untersuchungsmaterial
Behandlung: Je nach Erkrankungsbild erfolgt eine ambulante (z.B. Otitis media) oder stationäre (z.B. Meningitis) antibiotische Therapie. Neben dieser werden auch mögliche Komplikationen und Begleiterkrankungen behandelt.

Ein Problem ist die Zunahme der Antibiotika-Resistenzen.

Impfstoff

Geschichte

Schon früh wurde an der Entwicklung von Pneumokokken-Impfstoffen gearbeitet. Bereits 1911 entwickelte Sir Almouth Wright, angespornt durch die hohen Raten an Pneumokokkeninfektionen bei den Arbeitern der Diamantenminen von Witwatersand (Südafrika), den ersten erfolgreichen 4-valenten Polysaccharid-Impfstoff. Colin MacLeod entwickelte den Impfstoff weiter, mit dem 1945 Soldaten des zweiten Weltkrieges geimpft wurden.

Bereits 1931 gelang Walther Goebel und Oswald Avery ein großer Durchbruch. Sie konjugierten ein Protein zu einem Polysaccharid. Durch den neuen Konjugat-Impfstoff konnten die Nachteile eines Polysaccharid-Impfstoffes gelöst werden (Induktion des immunologischen Gedächtnisses und Antikörper-Reaktionsfähigkeit bei Säuglingen).

Doch all diese Bemühungen gerieten in Vergessenheit aufgrund der Erkentnisse auf dem Gebiet der Antibiotika. Man glaubte sogar alle Erreger mit Antibiotika in Zukunft ausrotten zu können. Wie wir heute wissen, war dies eine große Fehleinschätzung. Bakterien entwickelten Resistenzen, so auch Pneumokokken.

Man besann sich auf Bekanntes und entwickelte 1974 einen 14-valenten und schließlich 1984 einen 23-valenten Polysaccharid-Impfstoff. Schließlich wurde auch ein Konjugat-Impfstoff entwickelt (2000: 7-valent; 2009 10-valent und 13-valent). Eine Einführung der Pneumokokkenimpfung in die Impfempfehlungen erfolgte 2006.

Hierbei wählte man im 23-valenten Polysaccharid-Impfstoff die häufigsten Serotypen im Erwachsenenalter in Mitteleuropa (85-90%). Hingegen wurden in den Konjugat-Impfstoffen die häufigsten Serotypen im (Klein-)Kindesalter verwendet (10-valent: ca. 85%, 13-valent: ca. 90%). Seit Oktober 2011 ist der 13-valente Konjugatimpfstoff auch für Erwachsene >50 Jahre zugelassen. Aber hier findet sich eine geringere Abdeckung der Serotypen (invasive Pneumokokkenerkrankungen: ca. 82% bei Polysaccharid-Impfstoff, ca. 63% bei Konjugatimpfstoff). Ein neues Konzept, das sich hieraus entwickelte, war die sequentielle Immunisierung (vgl. unten).

Grundimmunisierung

Die Pneumokokken-Impfung (Totimpfstoff) ist, als Konjugat-Impfung für Säuglinge und Kleinkinder (≤24 Monate) und als Polysaccharid-Impfung für ältere Erwachsene (≥60 Jahre), neben möglichen Indikationsimpfungen Teil der generellen Impfempfehlung (vgl. Impfplan).

Polysaccharid-Impfstoff

Der 23-valente Impfstoff enthält der Bezeichnung entsprechend 23 verschiedene Typen von Kapselpolysacchariden und deckt so 80-90% der häufigsten Serotypen ab. Bei immunkompetenten Menschen zeigt sich eine sehr gute Immunantwort. Eine Serokonversion wird bis zu 90% erreicht.1,8 Leider wird die Immunreaktion mit zunehmendem Lebensalter schwächer. Was sich in Serokonversionsraten von 50-80% im Alter oder bei Immunschwächen widerspiegelt.1,7,8

Konjugat-Impfstoff

Es gibt 10- und 13-valente Impfstoffe. Die Konjugation erfolgt an eine nichttoxische Mutante des Diphtherietoxins (13-valenter Impfstoff) bzw. Tetanustoxoid und Protein D eines nicht-typisierbaren Haemophilus influenzae-Stamms (10-valenter Impfstoff). Auch hier werden entsprechend 85-90% der Serotypen des Säuglings- und Kleinkindesalters abgedeckt.

Eine Impfung erfolgt entsprechend der aktuellen Impfempfehlung mit 2, 3, 4 und 11-14 Monaten. Ein Nachholen der Impfung ist im Regelfall bis zum 2. Lebensjahr sinnvoll. (vgl. Impfkalender)

Da neuere Impfstoffe auch für Erwachsene zugelassen sind, entstand die Überlegung auch diese Altersgruppe mit dem Konjugatimpfstoff zu impfen. Da aber der Konjugatimpfstoff nur ca. 30% der Keime dür eine Infektion im Erwachsenenalter abdeckt, reicht diese Impfung alleine nciht aus. → sequentielle Immunisierung.

sequentielle Immunisierung

In neuerer Zeit wollte man nach der Zulassung des Konjugatimpfstoffes auch für Erwachsene mit der sog. sequentiellen Immunisierung quasi die "eierlegende Wollmilchsau" kreieren und die Vorteile des Konjugatimpfstoffes (Immunität, Boosterfähigkeit) und das Spektrum des Polysaccaridimpfstoffes (23-valent) vereinen.

Nach einer ersten Impfung mit dem Konjugatimpfstoff [PCV13] erfolgt eine weitere Pneumokokkenimpfung mit dem Polysaccaridimpfstoff [PPSV23] nach 6–12 Monaten (Hierbei sollte der Polysaccaridimpfstoff erst ab einem Alter von 2 Jahren gegeben werden).

Der Vorteil für die breite Masse ist jedoch nicht ausreichend, so dass die STIKO derzeit nur in gesonderten Fällen eine sequentielle Impfung empfiehlt.

Auffrischung

Eine oder auch mehrere Wiederimpfungen im Abstand von mindestens 6 Jahren ist bei einem gesteigerten Risiko in Erwägung zu ziehen. Insbesondere ist bei der Pneumokokken-Polysaccharidimpfung die fehlende bzw. begrenzte Boosterfähigkeit bei einer Risiko-Nutzen-Abwägung der Wiederimpfung mit zu berücksichtigen. Derzeit klare Empfehlungen für eine Wiederimpfung sind (vgl. Impfempfehlungen der STIKO (ständige Impfkommission des Robert Koch-Institutes)):
  • angeborene oder erworbene Immundefekte bzw. Immunsuppression
  • sonstige chronische Krankheiten
  • anatomische und fremdkörperassoziierte Risiken für Pneumokokken-Meningitis
  • Berufliche Tätigkeiten: Exposition gegenüber Metallrauch einschließlich metalloxidischem Schweißrauch
Steckbrief Impfstoff
Impfstoff: Totimpfstoff:
  • Polysaccharidimpfstoff (23-valenter Impfstoff)
  • Konjugatimpfstoff (7-, 10- und 13-valente Impfstoffe)
Impfempfehlung: Teil der Standardimpfungen (vgl. Impfkalender)
  • Polysaccharidimpfstoff (23-valenter Impfstoff)
    Standardimpfung ≥60 Jahre (1x im Leben)
    Indikationsimpfung ab 2 Jahre (1x, ggf. Auffrischungen)
  • Konjugatimpfstoff (7-, 10- und 13-valente Impfstoffe)
    Standardimpfung für Säuglinge und Kleinkinder (Impfempfehlung: mit 2, 3, 4 und 11-14 Monaten)
    Nachholen der Standardimpfung ≤24 Monate; ggf. bei Indikationen nach Herstellerangaben auch >24 Monate
Genauere Informationen zu diesen Angaben finden Sie auf den aktuellen Impfempfehlungen des Robert-Koch-Institutes
Auffrischung: Nur bei besonderen Indikationen bzw. gesteiertem Risiko:
  • angeborene oder erworbene Immundefekte bzw. Immunsuppression
  • sonstige chronische Krankheiten
  • anatomische und fremdkörperassoziierte Risiken für Pneumokokken-Meningitis
  • Exposition gegenüber Metallrauch einschließlich metalloxidischem Schweißrauch
Genauere Informationen zu diesen Angaben finden Sie auf den aktuellen Impfempfehlungen des Robert-Koch-Institutes.
Impfabstände:

aktive Immunisierung: Totimpfstoff - keine Impfabstände

Lokal- und Allgemeinreaktionen:

Aufgrund des Impfstofftypus (Polysaccharidimpfstoff) werden vermehrt Lokalreaktionen mit Rötung, Schwellung und lokalen Schmerzen im Gegensatz zu "üblichen" Impfstoffen gefunden. Insbesondere bei Wiederimpfungen ist mit einer höheren lokalen Reaktion zu rechnen.

Insgesamt gilt für beide Impfstoffe: Lokalreaktionen innerhalb von 1-3 Tagen nach Impfung, selten länger anhaltend, gelegentlich Schwellung der zugehörigen Lymphknoten; sehr selten: Bildung eines Knötchens an der Stichstelle. Außerdem treten Allgemeinsymptome wie Temperaturerhöhung, grippeähnliche Symptome oder Magen-Darm-Beschwerden gelegentlich auf.

Komplikationen: Allergische Reaktionen an der Haut oder den Atemwegen treten selten auf. Allergische Sofortreaktionen (anaphylaktischer Schock) wurden in der medizinischen Fachliteratur beschrieben.
Quellen: Epidemiologische(s) Bulletin(s), Robert Koch Institut
  7) Zur Impfung gegen Pneumokokken-Infektionen, Epidemiol Bull Nr. 12/2000
  Bernhard-Nocht-Institut (Tropenmedizin Hamburg)
  www.reisemedizin.de
  www.impfakademie.de
  www.fit-for-travel.de
  www.impfservice.de
  www.impfen-aktuell.de
  www.reisemed.at
  Centrum für Reisemedizin
  WHO (www.who.int, www.who.int/immunization_monitoring)
   
  1) Hülße C et al.: Epidemiologische und serologische Untersuchungen von Pneumokokken-Infektionen im Hinblick auf die neuen STIKO-Empfehlungen, Gesundheitswesen 1999, 61, 393-397
  2) Fedson DS: Pneumokokkenimpfung bei älteren Menschen, Immunologie & Impfen 1999, 2, 128-133
  3) Hülße C et al.: Ärztemerkblatt Pneumokokken, Deutsches Grünes Kreuz, 1999
  4) Fedson DS: Pneumococcal Vaccine, in: Plotkin, Vaccines, Chapter 18, 1994, S. 563
  5) Leidel J: Pressegespräch „Fünf Jahre Pasteur Mérieux MSD“, 1999, Leimen
  6) Nuorti JP et al. : Cigarette smoking and invasive pneumococcal disease ; N Engl J Med 2000, 342, 10, 681-689
  8) Hülße C: Pneumokokken: Aktuelle Impfempfehlungen und Impfsituation in Deutschland, Round-Table „Pro und Contra Pneumokokken-Impfung“ am 5. Juni 2001 in Dreieich-Götzenhain

Hinweis: An dieser Stelle sind allgemeine Informationen zu der Erkrankung genannt. Auch die im Steckbrief aufgeführten Daten sind nur eine Zusammenfassung und beinhalten nicht alle möglichen Symptome oder Komplikationen nach einer Impfung. Hierzu bitten wir andere Quellen (z.B. www.fachinfo.de), zu Rate zu ziehen. Außerdem empfehlen wir für Patienten eine ärztliche Rücksprache zu Fragen vor einer entsprechenden Impfung.