Poliomyelitis

Kinderlähmung

Vermutlich Darstellung eines Poliokranken,
Ägypten 18. Dynastie 1403–1365 v.Chr.
Quelle: Deutsche Grünes Kreuz

Polioerkrankter mit deformiertem rechten Bein
Quelle: CDC
Bereits auf historischen Darstellungen des alten Ägyptens lassen sich Hinweise auf die Poliomyelitis finden. Auch in Schriften von Hippokrates oder Galen finden sich Hinweise auf diese Erkrankung. Doch in all diesen Jahrtausenden der Beobachtung kommt es immer nur vereinzelt zu Erkrankungen.

Erst mit wachsendem hygienischen Standard kam es gegen Ende des 19. Jahrhunderts zu gehäuftem Auftreten von Polio und sogar zu Polio-Epidemien.

Dies wird als paradoxe Reaktion auf die zunehmende Sauberkeit erklärt: Bis dato begegnete ein Neugeborenes mit der Geburt einer Flut von Polioviren. Anfänglich geschützt durch die mütterlichen Antikörper konnte sich das Immunsystem rasch mit dem Virus auseinandersetzen. Durch die wachsende Hygiene gab es zunehmend schutzlose, virus-naive (Klein-)Kinder, die zuvor keinen Kontakt mit dem Poliovirus gehabt hatten. Ein erster Viruskontakt führte nun in gehäuftem Maße zur Poliomyelitis.

Bis zur Einführung des Impfstoffes kam es immer wieder zu Polio-Epidemien (im Mittel alle 5-6 Jahre). Die Poliomyelits war bzw. ist relativ hoch ansteckend (vgl. Kontagiositätsindex). So zählte die Kinderlähmung aufgrund der hohen Ansteckungsfähigkeit und der ubiquitären Verbreitung, damals auch in unseren Breiten, zu der Kinderkrankheit.

Jeder, der quasi neu ohne Schutz auf diese mit Polioviren durchseuchten Welt kam, erkrankte zwangsläufig. Nachdem der Schutz durch die mütterlichen Antikörper abgeklungen war, war man den Viren ausgesetzt. Und in einem geringen Anteil führte eine Erkrankung zur Lähmung.

Einige Meilensteine in der Polio-Geschichte
3700 v.Chr. möglicher Fund von Polio bei einer Mumie als aller erster Nachweis in der Geschichte.
1500 v.Chr. Polio-Infektion des ägyptischen Priesters Ruma; Nachweis auf der berühmten Steintafel
1838 berichtete von Heine erstmalig über akute Lähmungen der Beine bei Kindern.
1865 erkennt Prévost und Vulpian eine Veränderung an Vorderhornzellen.
1905 entwickelte Wickman erste Hypothesen über die Übertragung.
1909 beschrieben Landsteiner und Popper erstmalig ein neurotropes, filtrierbares Virus.
1939 differenziert Armstrong die drei verschiedenen Serotypen.
1949 gelang Enders, Weller und Robin die Züchtung der Polioviren auf einer Gewebekultur (Grundlage für eine Impfstoffherstellung).
1955 Zulassung des inaktiven Impfstoffes nach Salk.
1959 Zulassung des aktiven Impfstoffes nach Sabin.

Erreger / Pathogenese

Poliovirus im Elektronenrastermikroskop
Quelle: CDC
Das Poliovirus ist ein humanes Enterovirus aus der Familie der Picornaviridae. Als einfaches +RNA-Virus mit Kapsid und ohne Hülle sind von den Polioviren drei Subtypen bekannt. Zwischen den einzelnen Subtypen besteht keine Kreuzimmunität. Bezüglich der Wildviren gilt der Typ I als dominierender in Bezug auf Auslösung einer Lähmung und einer Epidemie. Andererseits wird eine Impf-Polio häufiger durch die Typen II und III hervorgerufen.

Im Laufe der Zeit kommt es stetig zu Punktmutationen. So lassen die Veränderungen innerhalb der einzelnen Subtypen eine regionale und zeitliche Zuordnung der Viren zu.

Die Viren zeigen eine relative Widerstandsfähigkeit gegenüber Umwelteinflüssen. So sind sie leider sehr stabil gegenüber lipidlöslichen Reinigungs- und Desinfektionsmitteln.

Das Polio-Virus wird als Enterovirus fäkal-oral übertragen. Nach oraler Aufnahme kommt es zu einer Infektion des Magendarmtraktes und später zur Virämie. In einigen Fällen kommt es zum Übertritt des Virus in das ZNS (Zentral-Nerven-System). In diesem Fall kommt es zu Schädigungen von motorischen Vorderhornzellen und schließlich zum Bild der Poliomyelitis (Kinderlähmung).

Ansteckung / Inkubation

Die Übertragung erfolgt häufig direkt von Mensch zu Mensch (fäkal-oral). Es ist aber auch Übertragung über verunreinigte Nahrungsmittel (infiziertes Ab-/Trinkwasser bei unzureichender Aufbereitung in Kläranlagen) oder als Schmierinfektion denkbar.

Inkubationszeit: (4-)7-10(-14) Tage, selten bis zu 4 Wochen

Kurz nach der Virusaufnahme kommt es zu einer lokalen Virusvermehrung im Rachenraum und später im Magen-Darm-Trakt sowie den jeweiligen lokalen Lymphknoten. Da sich das Virus zu Beginn im Rachen vermehrt, kann hier auch eine Übertragung über Sekretpartikel in der Atemluft erfolgen (ca. nach 36h nach Infektion). Die massive Virusvermehrung im Magen-Darm-Trakt führt schließlich auch zur Virusausscheidung (ca. 72h nach Infektion).

In diesem Stadium ist mit der größten Ansteckungsfähigkeit zu rechnen. Sie beginnt Tage vor den klinischen Symptomen (vgl. oben) und senkt sich im Verlauf. Nach einer Woche findet man im Rachenraum kaum noch Virusmaterial. Hingegen werden Viren über 6-8 Wochen über den Stuhl ausgeschieden.

Krankheitsverlauf / Diagnostik

Nach einer oralen Aufnahme der Polioviren, der Infektion der Schleimhäute (Rachen- und Darmschleimhaut) sowie der lokalen Lymphknoten und schließlich einer Virämie komme es zur folgenlosen Ausheilung. In den meisten Fällen (>95%) verläuft eine Infektion asymptomatisch, also ohne Krankheitszeichen. Dies bezeichnet man als stille Feindung, da der Betreffende unbemerkt eine Immunität erlangt. Es können jedoch während der Erkrankung andere Personen durch ausgeschiedene Viren angesteckt werden.

In 4-8% der Fälle kommt es bei der Infektion mit dem Poliovirus, entsprechend eines Enterovirus, zu unspezifischen Symptomen einer Magen-Darm-Erkrankung über einige Tage. Es kommt zu Übelkeit, Erbrechen und Durchfall, mäßigem Fieber und allgemeinem Krankheitsgefühl sowie Kopf- und Gliederschmerzen. Gelegentlich wird auch über Meningismus berichtet. Es folgt aber auch hier eine folgenlose Ausheilung. Diese Form wird auch als "minor illness" oder "abortive Poliomyelitis" bezeichnet.

Komplikationen

  Eiserne Lunge, 1960
Quelle: CDC
Therapie bei Polio, 1963
Quelle: CDC
Die Poliomyelitis ist sozusagen nicht die Erkrankung sondern bereits die Komplikation. Denn hier ist es nach der Infektion, der Virusvermehrung in Rachen und Magen-Darm-Trakt und anschließender Virämie auch zum Infekt des ZNS (Zentralen-Nerven-Systems) gekommen.

Das Risiko für das Auftreten einer Lähmung liegt im Mittel bei 1:200 bis 1:250 der Infektionsfälle (d.h. 1 Lähmung auf 200-250 Erkrankungen). Das Risiko ist abhängig vom Virusstamm und vom Erkrankungsalter (1:100 bis 1:1000 = 0,1-1%). Es kann zu einer (teilweisen) Rückbildung der Lähmung kommen. Leider ergeben sich häufig aber durch die dauerhaften Lähmungen Folgeschäden (Deformitäten,...). Die Letalität ist von Verlauf und Erkrankungsalter abhängig. Sie reicht von 2-5% (spinale Poliomyelitis bei Kindern) über 15-30% (spinale Poliomyelitis bei Erwachsenen) bis 25-75% ((sino)bulbäre Poliomyelitis).

Häufig bildeten sich die Symptome zurück, jedoch können die Lähmungen, wie erwähnt, als Dauerschaden zurückbleiben. Gelenk- oder Wirbelsäulenschäden sowie Fußdeformitäten stellen häufige sekudäre Komplikationen dar, die als Folge der Lähmung auftreten.

paralytische Poliomyelitis

An die oben beschriebene unspezifische Infektion ("minor illness") schließt sich nach einem kurzen symptomfreien Intervall über einige Tage die "eigentliche" Kinderlähmung an. Durch die Nervenschädigung kommt es zu einer schlaffen Lähmung mit den typischen Symptomen der Kinderlähmung. Je nach Lokalisation und Ausprägung erfolgt eine Einteilung und es variiert das klinische Bild.
spinale* Form
Die spinale Form beschreibt die "typische" und weitaus häufigste Form der paralytischen Poliomyelitis. Häufig sind die unteren Extremitäten von der schlaffen Lähmung betroffen. Bei Einbeziehung von Zwerchfell oder Zwischenrippenmuskulatur resultiert eine Beeinträchtigung der Atmung, die vor Entdeckung der "Eisernen Lunge" meist tödlich endete.
(*spinal = das Rückenmark betreffend)
(spino)bulbäre* Form
Eine im Vergleich zur rein spinalen Form seltenere, aber leider auch bedrohlichere Form. Es kommt zu Beeinträchtigung der Atmung mit Atemlähmung (Atemzentrum) oder zu Schluckstörungen/-lähmungen (Schluckreflex, Würgereflex). Auch können andere Regionen (Kreislaufregulationszentren, Pyramidenbahn,...) mit entsprechenden Auswirklungen betroffen sein.
(*bulbär = das verlängerte Mark (Medulla oblangata) betreffend)

nicht-paralytische Poliomyelitis

Eine aseptische Entzündung der Meningen (Meningitis) führt nach anfänglichen oben beschriebenen Allgemeinsymptomen ("minor illness") zu einem kurzen Intervall mit Fieber, Kopfschmerzen, Erbrechen und Nackensteifigkeit. Neben diesen Hinweisen auf eine Hirnhautentzündung treten keine Lähmungen auf. In der Regel kommt es zur vollständigen Ausheilung.

Therapie

Eine spezifische Therapie gibt es nicht. Die Behandlung erstreckt sich über Hilfestellung (z.B. Gehhilfen) bis hin zur Beatmung (z.B. "Eiserne Lunge").

Immunität

Nach überstandener Erkrankung ist von einer lebenslangen Immunität auszugehen. Dies gilt auch für die asymptomatischen oder milden Verläufe. Dabei ist zu beachten, dass zwischen den einzelnen Virustypen keine oder allenfalls eine minimale Kreuzimmunität besteht. Somit kann eine Person mehrfach an Polio (Typ I, Typ II und Typ III) erkranken. Vor der Impfaera war dies sicherlich an der Tagesordnung. Alle Virustypen waren allgegenwärtig und bereits früh erfolgte eine Auseinandersetzung mit den jeweiligen Erregern-Subtypen (vgl. oben).

Ein Auftreten von mehreren "Kinderlähmungen" hingegen war und bleibt unwahrscheinlich. Das Risiko für das Auftreten einer Lähmung liegt bei 1:200 bis 1:250 Infektionsfällen. Somit liegt das Risiko für zwei Infektionen mit jeweils auftretender Lähmung bei (1:250)2 = 1:62.500, also unwahrscheinlich.

Epidemiologie

Fälle von Kinderlähmung, 2006
Endemiegebiete
Sporadische Erkrankungen
Risiko der Wiedereinführung
Quelle: WHO
Fälle von Kinderlähmung, 2008
500-1000 bestätigte Fälle
100-499 bestätigte Fälle
10-99 bestätigte Fälle
< 10 bestätigte Fälle
kein Wildvirus
offiziell bestätigte Eradikation der Polio
Quelle: WHO
Fälle von Kinderlähmung, 2006
im Jahr 2008     im Jahr 2007
im Jahr 2006     im Jahr 2005
im Jahr 2004     im Jahr 2003
Quelle: WHO
Der Erreger war vor der Impfaera weltweit verbreitet. Vermutlich durch die steigenden hygienischen Verhältnisse kam es gegen Ende des 19. Jahrhunderts zu gehäuftem Auftreten von Polio und sogar zu Polio-Epidemien. In den gemäßigten Klimazonen zeigte sich ein gehäuftes Auftreten in den Sommermonaten, während in tropischen Ländern keine Saisonalität bestand bzw. besteht. Außerdem traten bis zur Einführung des Impfstoffes größere Epidemien im Mittel alle 5-6 Jahre auf.

Impfprogramme konnten die Polio weitgehend zurückdrängen.

Reservoir und Übertragung

Der Mensch gilt als einziges Reservoir. Die Viren werden über das Sputum und den Stuhl ausgeschieden und bleiben in ungeklärten Abwässern bis zu 180 Tage ansteckungsfähig. Eine Ansteckung ist somit auf vielen Wegen möglich. Über einen direkten Kontakt, aber auch durch verunreinigte Nahrung und Trinkwasser, ist eine Ansteckung möglich.

Eradikation der Polio

1988 war die Poliomyelitis in 125 Ländern der Welt trotz Impfungen eine weit verbreitete Erkrankung mit ca. 350.000 Gelähmten pro Jahr. Die WHO plante damals (1988) die Ausrottung der Polio durch Impfprogramme (Poliomyelitis-Eradikations-Initiative) bis zum Jahre 2000. Ähnliches war bei den Pocken 1980 gelungen. Damals wurde die Welt als Pockenfrei erklärt.

Doch die weltweite Elimination des Poliovirus gestaltete sich weitaus schwieriger als vermutet. Durch Impfprogramme konnten in vielen Regionen der Welt die Polioviren bereits ausgerottet werden. So wurde in Deutschland 1992 über den letzten Poliofall berichtet. Im Anschluss traten nur Poliofälle nach einer Impfung (VAPP: vakzineassoziierte paralytische Polio) auf (vgl. VAPP).

Leider verhinderten bzw. verlangsamten verschiedene Hindernisse die Impfkampagnen (religiöse Ablehnung, (absichtliche) Fehlinformation und Angst der naiven Bevölkerung, politische/militärische Beweggründe,...). So findet man auch heute noch in einigen Ländern das noch zirkulierende Wildvirus.

Weitere Probleme sind die Impfpolio (vgl. VAPP), Dauerausscheider des Virus und die Auswilderung der Impfpoliostämme (vgl. OPV: orale Poliovaccine). Bei zunehmender Ausrottung der Polio befinden wir uns allmählich an einem Punkt, wo das weitere Procedere diskutiert werden muss. Der preiswerte und leicht handhabbare orale Impfstoff (OPV) steht dem Injektionsimpfstoff (IPV) gegenüber. Probleme, die durch ein Auswildern des OPV-Impfvirus entstehen, sind Thema der Überlegungen. Das abgeschwächte Impfvirus nähert sich immer mehr dem Wildvirus an und der "Dingo" ist wieder mehr "Wolf" als "Haushund".

Polio in Deutschland

Erkrankungsfälle in Deutschland
Quelle: RKI

1960 wurde in der damaligen DDR bereits die Schluckimpfung eingeführt. Es erfolgten Massenimpfungen mit dem attenuierten Lebendimpfstoff (OPV). Auf Seiten der BRD wurde anfangs die Impfung als unnötig eingestuft. Dieser Irrtum kostete vielen Kindern die Gesundheit oder sogar das Leben.

1962 wurde auch in der BRD die Schluckimpfung (OPV, orale Poliovakzine, in Schule oft als "Zuckerstückchen") als Routineimpfung eingeführt (ab 1964 trivalenter Impfstoff gegen Typ I, II uns III). Es zeigte sich innerhalb weniger Jahre ein drastischer Rückgang der Poliofälle. Eine umfangreiche Werbekampagne in Rundfunk, Presse und Fernsehen fürhrte zu einem raschen Erfolg. So sank die Inzidenz (Anzahl der Neuerkrankungen) innerhalb eines Jahres um ca. 90%.

1992 wird über den letzten Poliofall berichtet. Im Anschluss traten nur Poliofälle nach einer Impfung (VAPP: vakzineassoziierte paralytische Polio) auf.

1998 erfolgte eine vollständige Umstellung auf den inaktiven Polioimpfstoff (IPV). So konnte auch die VAPP verhindert werden. In einer Untersuchung 2006 konnte eine ausreichende Individual- und Herdenimmunität bestätigt werden.

 

Steckbrief Erreger
Erreger: Poliovirus mit drei Serotypen, Enterovirus der Picorna-Gruppe
Der Mensch ist das einzige Reservoir des Virus.
Meldepflichtig sind Erkrankungsverdacht, Erkrankung und Tod.
Infektionsquelle: Rachensekret und Stuhl infizierter Menschen.
Auch über verunreinigtes Brauchwasser, insb. bei unzureichender Klärung Ausbreitung und Infektion möglich.
Übertragung: Schmutz- und Schmierinfektion
Inkubationszeit: (4-)7-10(-14) Tage, selten bis zu 4 Wochen
Krankheitsbild: Über 95% der Infektionen verlaufen symptomlos, ohne dass der Betroffene irgendwelche Beschwerden hat. Kommt es zu Symptomen, so tritt die Erkrankung in verschiedene Formen auf:
  • leichte, unspezifische, fieberhafte Erkrankung mit Kopf- und Halsschmerzen, evtl. auch mit leichtem Durchfall (wenige Tage)
  • ohne Lähmungen verlaufende Gehirn(haut)entzündung mit Fieber, Hals- und Rachenentzündung, Kopfschmerz, Übelkeit und Erbrechen
  • „echte“ Kinderlähmung: typischerweise mit schlaffer Lähmung von Muskeln (häufig Extremitäten), auch Hirnnervenausfälle, sollte das Atemzentrum oder die Muskulatur mit betroffen sein, ist eine Beatmung nötig (eiserne Lunge).
Neben diesem können Krämpfe, hohes Fieber, Bewusstseinstrübungen u.v.m vorkommen.

Eine Rekonvaleszenz (Rückbildung der Symptome) ist über einen Zeitraum von bis zu 2 Jahren beschrieben. Spätschäden sind dennoch häufig.

Diagnose: Nachweis des Erregers oder von Antikörpern gegen den Erreger (Virusanzüchtung mit Typ-Differenzierung aus Stuhl oder Rachenspülflüssigkeit; Antikörperanstieg im Serum).
Behandlung: Keine, außer Pflege des Patienten. Die Polio verläuft schicksalhaft.

Impfstoff

Es wurden zwei grundlegend verschiedene Impfstofftypen entwickelt. Die orale Poliovakzine (OPV, Schluckimpfung), die den Älteren von uns noch bekannt sein dürfte (wird seit 1998 in Deutschland nicht mehr verwendet), und die Injektionsimpfung (IPV).

Entwicklungsgeschichtlich gesehen gab es die IPV-Impfung, also die Injektionsimpfung, vor der Schluckimpfung (OPV). Jonas Salk entwickelte 1955 aus abgetöteten Erregern einen Totimpfstoff, die inaktivierte Polio-Vakzine (IPV). Albert Sabin hingegen verwendete für seinen oralen Impfstoff (OPV, Schluckimpfung) abgeschwächte Viren (1959). Es handelte sich bei dieser Impfung also um einen Lebendimpfstoff. Durch beide Impfstoffe lässt sich eine wirksame und langfristige Immunität erzeugen. Eine Auffrischung nach erfolgten empfohlenen Impfungen im Säuglings-, Kleinkeind- und Jugendalter ist im Regelfall in Deutschland nicht mehr nötig (vgl. Impfkalender).

inaktivierte Polio-Vakzine, nach Salk (IPV)

Wie bereits erwähnt stand zuerst die IPV-Impfung, also die Injektionsimpfung, zur Verfügung. Diese Impfung erzeugt (leider) nur eine systemische Immunität beim Impfling. Das bedeutet, die Darmschleimhaut des Geimpften kann weiterhin Polioviren beherbergen. Der Geimpfte selbst erkrankt zwar nicht an der Kinderlähmung als Komplikation des Magen-Darm-Infektes durch die Viren. Eine fäkal-orale Ansteckung und eine Infektion des Magen-Darmtraktes ist dennoch durch die Polio-Viren möglich. Auch kann ein Impfling als asymptomatischer Träger das Virus verbreiten. Die Infektionskette wird durch die IPV-Impfung nicht unterbrochen, eine Ausbreitung ist weiter möglich. Somit war dieser Impfstoff nicht geeignet, um das Poliovirus im Rahmen eines allgegenwärtigen Vorkommens auszurotten.

orale Polio-Vakzine, nach Sabin (OPV)

Schluckimpfung im Bonner Gesundheitsamt, 1967
Quelle: Bundesarchiv
OPV-Impfung in Indien Quelle: WHO
Nach der Impfstoffentwicklung von Albert Sabin stand einige Jahre später (1960-62) die orale Poliovakzine (OPV) zur Verfügung. Mit abgeschwächten Erregern (Lebendimpfung) ließ sich nun eine Immunität der Darmschleimhaut erreichen. Somit konnte eine Ausbreitung der Polio in einer durchseuchten Population eingedämmt werden.
vakzineassoziierte paralytische Polio (VAPP)
Leider kam es bei diesem Impfstofftyp in seltenen Fällen zu einer Impfpolio mit entsprechender Lähmung durch das Impfvirus. Die Häufigkeit wird je nach Quelle mit 1:2.000.000 bis 4-6/1.000.000 (Erkrankungen:Impfungen) angegeben. Teilweise werden auch Zahlen bis zu 1:4.400.000 genannt. Dennoch ist dieser Impfstoff auch heute weltweit der am häufigsten eingesetzte Impfstoff. Er ist einfach zu verabreichen und kostengünstig. Außerdem verhindert er eine Übertragung durch die Immunisierung des Magen-Darm-Traktes. Er konnte damalig und heute eine Ausbreitung unterbrechen und die zirkulierende Zahl der Polioviren drastisch reduzieren.
Auswilderung des Impfstammes
Ein weiterer Nachteil des OPV-Impfstoffes tritt bei sinkenden Poliozahlen zunehmend in den Vordergrund. Neben den oben bereits erwähnten Impfpoliomyelitiden (VAPP) kommt es zur Auswilderung und Rückmutation der Impfvirusstämme. Dieses Risiko besteht insbesondere bei einer Population mit einem hohen Anteil von nicht ausreichend Geimpften oder Immunsuppremierten (z.B. HIV/AIDS). Im Verlauf gewinnt das Impfvirus seine ursprüngliche Pathogenität zurück. Das abgeschwächte Impfvirus nähert sich immer mehr dem Wildvirus an und der "Dingo" ist wieder mehr "Wolf" als "Haushund".
Ansteckung mit OPV
Zu guter Letzt besteht durch die Infektiosität bei einem Lebendimpfstoff das Risiko, dass sich ein Ungeimpfter oder unzureichend Geimpfter bei einem Impfling mit dem OPV-Virus anstecken könnte. Was bislang als theoretisches Modell galt, wurde 2006 erstmalig traurige Realiät und in der Fachpresse beschrieben.

… mehr Informationen zur Ansteckung mit OPV   

Die Gegenüberstellung: IPV — OPV

IPV = Injektionsimpfung
 
OPV = Schluckimpfung
Wie oben erwähnt war die zuerst entwickelte IPV-Impfung mit dem Nachteil behaftet, dass eine Immunität im Magen-Darm-Trakt nicht ereicht werden konnte. Somit wurde zwar der Impfling geschützt, aber die Ausbreitung der Erkrankung konnt nicht gestoppt werden. Eine Unterbrechung der Infektionskette war erst mit dem OPV-Impfstoff und einer Immunisierung des Magen-Darm-Traktes durch den Imofstoff möglich. Aber auch hier zeigte sich ein Nachteil: vakzineassoziierte paralytische Polio (VAPP), Auswilderung des Impfstammes, mögliche Ansteckung an OPV-Geimpften

Der IPV-Impfstoff wird im Grunde nur in den Industrieländern verwendet, die bereits poliofrei sind (z.B. Deutschland seit 1998 kein OPV mehr) um den Status quo zu halten. Die Polio ist hier "besiegt". Bis auf vereinzelte Fälle (meist VAPP) kommt es hier nicht mehr zu einer Polio. In diesen Ländern möchte man das Risiko der Impfpolio (VAPP), wie gering das Risiko auch immer sein mag, dem einzelnen Impfling nicht mehr zumuten.

Entwicklungsländer sind in der Handhabung der IPV-Impfungen bisher ungeübt und der technische Aufwand ist deutlich größer als bei einer oralen Impfung (OPV). Jedoch bestehen zunehmend die bereits beschriebenen Gefahren der OPV: Impfpolio und Auswildern des Impfvirus.

Wie weiter zu verfahren ist, bleibt den einzelnen Ländern selbst überlassen. Die WHO positioniert sich nicht klar bzg. der Frage IPV statt OPV. Auch werden neben reinen OPV- oder IPV-Immunisierungen auch IPV-OPV-Sequenz-Immunisierungen als Kompromisslösung angedacht. Sie wären sozusagen die "eierlegende Woll-Milch-Sau". Man könnte durch den Beginn mit IPV die Rate der Impfpoliomyelitiden deutlich minimieren oder gar verhindern. Durch den Anteil OPV ließen sich einerseits Kosten senken und andererseits eine Immunität im Magen-Darm-Trakt erzeugen (Verhinderung einer Ausbreitung, Problem einer reinen IPV-Impfung).

weitere Informationen zu den beiden Impfstoffen
Beide Impfstoffe haben im Vergleich Vor- und Nachteile gegenüber dem anderen. In den Folgenden Seiten finden Sie weitere Informationen zu den Impfstoffen und zum Impfschutz selbst:

Grundimmunisierung

In Deutschland erfolgt eine Grundimmunisierung und Boosterung mit Kombinationsimpfstoffen entsprechend des Impfkalenders (vgl. Impfkalender). Eine weitere Auffrischung ist im Anschluss nur bei Indikationen vorgesehen.

Für monovalente Impfstoffe sind grundsätzlich die Herstellerangaben zu beachten. Als Orientierung gilt:

  • OPV: 3 Impfungen mit einem Mindestabstand von 4 Wochen. In Entwicklungsländern wird eine 4. Gabe bei der Geburt empfohlen.
  • IPV: 3+1 Impfschema mit 3 Impfungen im Abstand von 1 Monat und einer Boosterimpfung nach mindestens 6 Monaten
  • IPV/OPV: Sequenz von 1-2 IPV-Impfungen gefolgt von OPV-Impfungen

Auffrischung

In Deutschland reicht nach Ansicht der STIKO (Ständige Impfkommision) des Robert Koch-Institutes ein vollständiger Impfkalender. Nach der letzten Impung (T-d-ap-IPV mit 12-17 Jahren) erfolgt keine weitere routinemäßige Auffrischung. Lediglich Impflücken sind zu schließen. Bei einer Reise in ein Risikogebiet sollte jedoch eine Auffrischung erwogen werden, wenn die letzte Impfung länger als 10 Jahre zurückliegt. Auch bei anderen Indikationen (vgl. Tabelle) wird eine Auffrischung empfohlen.

In den Impfempfehlungen der Impfkommission Sachsen ist eine regelhafte Auffrischung alle 10 Jahre enthalten.

Postexpositionsprophylaxe

Bei einer Poliomyelitis-Erkrankung sollten alle Kontaktpersonen unabhängig vom Impfstatus ohne Zeitverzug eine Impfung mit eine IPV-Vaccine erhalten. Beim Auftreten eines Sekundärfalles (d.h. Polio-Erkrankung bei Kontaktperson oder einer bislang noch nicht als Kontakt erfassten Person) sollten umfangreiche Riegelungsimpfungen durch den öffentlichen Gesundheitsdienst und weitere Überwachungs- und Schutzmaßnahmen durchgeführt werden.
Steckbrief Impfstoff
Impfstoff: OPV = Lebendimpfung (Schluckimpfstoff), in Deutschland seit 1998 nicht mehr empfohlen.
 

IPV = Totimpfstoff (abgetöteter Erreger), beinhaltet:

  • Typ 1 (Mahoney) 40 D-Antigen-Einheiten
  • Typ 2 (MEF-1) 8 D-Antigen-Einheiten
  • Typ 3 (Saukett) 32 D-Antigen-Einheiten
übliche Kombinationsimpfung:
Impfempfehlung: Teil der Standardimpfungen (vgl. Impfkalender)

Grundimmunisierung: nach Herstellerangabe

Grundsätzlich gilt: Jede Impfung zählt!

Empfehlung für Deutschland: Teil der Grundimmunisierung, Indikationsimpfung (z.B. berufliche oder medizinische Indikationsimpfung), Reiseimpfung (Risikoindikation beachten!)

Personen, die eine Grundimmunisierung (nach Herstellerangaben) und später mindestens eine Auffrischungsimpfung erhalten haben, gelten als vollständig immunisiert . Eine weitere routinemäßige Auffrischung wird nicht empfohlen (nur bei bestehender Indikation). weitere Informationen in den aktuellen STIKO-Empfehlungen des Robert Koch-Institutes.

Somit gelten derzeit Personen mit 4 (bzw.5) oder mehr Impfungen im Kindes- und Jugendalter oder nach Grundimmunisierung im Erwachsenenalter (2-3 Impfungen + 1 Auffrischung, je nach Herstellerangabe, als vollständig geimpft.

Impfschutz:

Beginn: 10 Tage nach der zweiten Impfdosis bzw. nach der Auffrischungsimpfung
Dauer: ca. 10 Jahre

Die Angabe einer Schutzdauer von 10 Jahren nach einer erfolgten Grundimmunisierung bzw. einer Auffrischung ist sicherlich sehr konservativ zu sehen. Aus dem skandinavischen Raum existieren Studien, die nach einer IPV-Immunisierung einen Schutz von mehreren Jahrzehnten bescheinigen. Dies gilt vor allem, wenn die Immunisierung im Kindesalter begonnen wird. Außerdem ist hierbei zu beachten, dass der Polioimpfstoff nach Salk (IPV) in den Siebzigerjahren weiterentwickelt wurde. Gegenüber der ursprünglichen Form hat dieser noch bessere immunologische Eigenschaften („enhanced potency inactivated Polio vaccine“ – eIPV).

Auffrischung:

Nach regelgerechter Impfung (Grundimmunisierung und Boosterung (vgl. Impfkalender) ist routinemäßig keine weitere Impfung nötig. Nur bei Indikation sollte eine Impfung erfolgen, wenn die letzte Auffrischung länger als 10 Jahre zurückliegt.

Als Indiktionen werden unter anderem genannt:

  • Reisende in Regionen mit Infektionsrisiko
  • Einreisende aus Risikogebieten und deren Kontaktpersonen
  • Personen mit Kontakt zu möglichen Erkrankten (z.B. med. Personal)
  • Personal mit anderen berufsbezogenen Risiken (z.b. Arbeit in Polio-Laboratorien)

Für Deutschland reichen nach STIKO-Empfehlungen des Robert Koch-Institutes ohne ein zusätzliches Risiko 4 (bzw. 5) dokumentierte Impfungen. Eine weitere Auffrischung ist dann im Erwachsenenalter routinemäßig nicht mehr nötig. In den Impfempfehlungen der Impfkommission Sachsen hingegen ist eine regelhafte Auffrischung alle 10 Jahre enthalten.

Impfabstände:

Totimpfstoff - keine Impfabstände

Lebendimpfstoff - mind. 4 Wochen zu anderen Impfungen

Alter: Grundimmunisierung im ersten Lebensjahr (vgl. Impfkalender)
Lokal- und Allgemeinreaktionen: Selten kann es innerhalb von 1-3 Tagen nach der Impfung zu unspezifischen Impfreaktionen kommen. Lokal: Rötung, Schmerzhaftigkeit und Schwellung an der Impfstelle; Allgemeinsymptome (z.B., selten): Temperaturerhöhung, grippeähnliche Symptome oder Magen-Darm-Beschwerden. In der Regel sind diese Lokal- und Allgemeinreaktionen vorübergehender Natur und klingen rasch und folgenlos wieder ab.
Komplikationen:

Selten treten Überempfindlichkeitsreaktionen auf.

weiterführende Seiten

Quellen: Epidemiologische(s) Bulletin(s), Robert Koch Institut
  1) Epidemiologisches Bulletin 03/2006, Robert Koch Institut
  2) Epidemiologisches Bulletin 30/2009, Robert Koch Institut
  Bernhard-Nocht-Institut (Tropenmedizin Hamburg)
  www.reisemedizin.de
  www.impfakademie.de
  www.fit-for-travel.de
  www.impfservice.de
  www.impfen-aktuell.de
  www.reisemed.at
  Centrum für Reisemedizin
  WHO (www.who.int, www.who.int/immunization_monitoring)
   
  3) Schmitt-Groheet al. ClinInfDis 1995: 21(4) 860-6

Hinweis: An dieser Stelle sind allgemeine Informationen zu der Erkrankung genannt. Auch die im Steckbrief aufgeführten Daten sind nur eine Zusammenfassung und beinhalten nicht alle möglichen Symptome oder Komplikationen nach einer Impfung. Hierzu bitten wir andere Quellen (z.B. www.fachinfo.de), zu Rate zu ziehen. Außerdem empfehlen wir für Patienten eine ärztliche Rücksprache zu Fragen vor einer entsprechenden Impfung.