Varizellen

Erreger / Pathogenese

Varicella-Zoster-Virus (VZV); Quelle: CDC
Das Varicella-Zoster-Virus (VZV) ist ein behülltes, doppelsträngiges DNA-Virus (dsDNA), welches zur Familie der Herpesviridae (Herpesviren) gezählt wird. Allen Herpesviren gemein ist die Eigenschaft, nach einer Infektion in den Zielzellen des Wirtes lebenslang zu persistieren. Hier kann es bei Störung der Immunlage zu einer späteren Reaktivierung der Erkrankung kommen.

Innerhalb der Herpesviren findet eine weitere Untergruppierung statt. Das Varicella-Zoster-Virus wird neben dem Herpes-simplex-Virus (HSV) Typ 1 und Typ 2 als drittes humanpathogenes Virus zu den Alpha-Herpesviren gezählt. Zielzellen dieser Untergruppe sind Nervenzellen. Nach Infektion "überdauern" die Viren in Spinalganglien (VZV) oder regionalen Nervenganglien (HSV).

Durch diese Eigenschaft kann das Varicella-Zoster-Virus zwei verschiedene klinische Krankheitsbilder verursachen: Die Varizellen (Windpocken) bei exogener Primärinfektion, also einer erstmaligen Infektion des Körpers von außen, und Herpes zoster (Gürtelrose) bei endogener Reaktivierung, also bei einem erneuten Aufflammen der bestehenden Virusinfektion. (vgl. Herpes zoster, Gürtelrose). Ähnlich anderer Erkrankungen (z.B. Röteln) kann eine Infektion der Mutter in der Schwangerschaft (5.-24. SSW) zu Fehlbildungen des Kindes (fetales Varizellen-Syndrom) führen.

… kurze Übersicht über die humanpathogenen Herpesviren  

Exogene Primärinfektion (Erstinfektion)

typischer Sternenhimmel
Das Virus dringt über die Schleimhäute des Nasen-Rachenraums oder die Bindehäute ein. Nach anfänglicher Vermehrung im lokalen lymphatischen Gewebe erfolgt eine erste Ausbreitung über das Blut (1. Virämie: 4.-6. Tag nach Infektion). Anschließend erfolgt eine weitere Virusvermehrung im Retikuloendothelialen System (Teil des Immunsystems) in der Leber, auf die eine zweite schubweise Ausbreitung über das Blut folgt (2. Virämie: 10.-14. Tag nach Infektion). An T-Lymphozyten gebunden erreichen die Viren auch die Haut und verursachen die typischen Effloreszenzen. Durch die etappenweise auftretenden Virusschwemmen kommt es zu dem Bild unterschiedlich "alter" Effloreszenzen, was auch als "Sternenhimmel" bezeichnet wird.

Das Virus erreicht schließlich auch das ZNS. Der genaue Mechanismus ist bislang noch unbekannt. Nach Gesundung kommt es hier zu einem Persistieren des Virus in Neuronen der hinteren Nervenwurzel (sensorische Spinalganglien) oder in Hirnnervenganglien.

Endogene Reaktivierung

Herpes zoster Übersicht Dermatome
Quelle:www.wikipedia
Nach vorheriger Erstinfektion und Persistieren des Virus kann die Virusvermehrung, meist lokal in einem Ganglion begrenzt, erneut aktiviert werden. Die genauen Ursachen für eine Reaktivierung sind unbekannt. Jedoch kommt es häufig bei Störung des Immunsystems zu einer Reaktivierung.

Resultat ist ein erneutes "begrenztes" Auftreten der Windpocken im Bereich des Versorgungsgebietes des Nervs. Dies bezeichnet man als Zoster oder Gürtelrose (vgl. Herpes zoster). Abgeleitet ist die Bezeichnung Gürtelrose von dem häufig im Bereich des Torso auftretenden Zosters, der hier dem Dermatom (Versorgungsbereich der Hautnerven) entsprechend "gürtelförmig" verläuft.

Die landläufige Meinung, dass nach vollständigem Schluss der gürtelförmigen Rötung der Tod eintreten würde, ist vollkommen unbegründet. Da ein Nerv mit seinem zugehörigen Dermatom nur eine Körperhälfte versorgt, ist ein ringförmiges Exanthem unmöglich.

… mehr zu Herpes zoster  

Ansteckung / Inkubation

Die Ansteckung erfolgt als Tröpfcheninfektion (Nasen-Rachensekret, Stuhl oder Harn von Windpockenkranken) oder bei direktem Kontakt (Schmierinfektion) mit dem Sekret der Windpockenbläschen oder einer Gürtelrose (Herpes zoster). Außerhalb des Körpers kann das Virus in Abhängigkeit von den Umgebungsbedingungen mindestens einige Tage seine Infektiosität bewahren.1

Die Übertragung erfolgt aerogen, d.h. durch die Luft, über virushaltige Tröpfchen oder Partikel (Nasen-Rachensekret, Stuhl oder Harn von Windpockenkranken), die zum Beispiel beim Atmen oder Husten ausgeschieden werden. Sie können im Umkreis von mehreren Metern zu einer Ansteckung führen. Diese scheinbare Ansteckung durch die "Luft" führte im Altertum zur Bezeichnung "Wind"-Pocken. Neben diesem Übertragungsweg ist auch eine Schmierinfektion (virushaltiger Bläscheninhalt oder Krusten) möglich. Dieser Infektionsweg ist auch später bei einer Gürtelrose (Herpes zoster) möglich. Bei einem Virusnaiven kann eine Infektion so zu Windpocken führen.

Eine hohe Ansteckungsfähigkeit, eine breite Verteilung des Virus in der Bevölkerung und eine scheinbare lebenslange Immunität (Reaktivierung als Gürtelrose) machte die Windpocken ähnlich wie die Kinderlähmung (Polio), Mumps, Masern oder Röteln zu einer Kinderkrankheit. Vor der Aufnahme der Varizellen in die Impfempfehlungen der STIKO (ständige Impfkommission des Robert Koch-Institutes) 2004 (vgl. Impfplan) erkrankten in Deutschland rund 750.000 Personen pro Jahr an Windpocken (95% der Erwachsenen besitzen Antikörper)1. Die Varizellen waren zu diesem Zeitpunkt die häufigste impfpräventable Erkrankung im Kindesalter.1

Bei der hohen Ansteckungsrate der Varizellen geht man davon aus, dass nach einer Exposition über 90% der bis dato seronegativen Personen, also für eine Varizellen-Infektion empfänglichen, auch erkranken (Kontagiositätsindex: 0,9-1,0).1 In diesem Zusammenhang gibt es sehr plastische Darstellungen: So ist bei immunkompetenten Personen schon bei einer Exposition von mehr als einer Stunde von einer Infektion auszugehen. Bei immungeschwächten Personen "reichen" bereits mehr als 10min.3

Die Inkubationszeit der Varizellen kann 8–28 Tage betragen, sie liegt in der Regel aber bei 14–16 Tagen.

Bezüglich der Ansteckungsfähigkeit gibt es unterschiedliche Angaben. Einigkeit herrscht über einen Zeitraum von 1-2 Tage vor Auftreten des Exanthems. Über das Ende der Ansteckungsfähigkeit gibt es unterschiedliche Angaben: 5-10 Tage nach Bildung der ersten Bläschen; 5–7 Tage nach Auftreten der letzten "frischen" Bläschen1,5; bis das letzte Bläschen verkrustet ist; bis zum Abfall der letzten Kruste.4

Die "Uneinigkeit" führt oft zu Verunsicherung. Früher ist man auch von einer hohen Bedeutung der Schmierinfektion sowie Viruslast der Krusten ausgegangen. Heute gilt das Vorhandensein einer Kruste nicht mehr als Maß der Infektion. So kam auch das Robert-Koch-Institut zur Empfehlung: 5–7 Tage nach Auftreten der letzten "frischen" Bläschen. Auch bei Patienten mit Herpes zoster sind die Bläschen bis zur Verkrustung als Schmierinfektionen ansteckend.1

In der Zeit einer möglichen Ansteckungsfähigkeit sollte ein Kontakt mit Ungeimpften und bisher nicht Erkrankten gemieden werden. Insbesondere Risikopersonen (Immunsuppression bei Kortikoid- oder Chemotherapie, HIV, AIDS,…) oder auch Schwangere (diaplazentare Übertragung in der 5. und 24. Schwangerschaftswoche –(1-2%)→ mögliches fetales Varizellensyndrom; mütterliche Erkrankung 5 Tage vor bis 2 Tage nach der Geburt → erhebliche gesundheitliche Bedrohung für das Neugeborene) sollten einen Kontakt strikt meiden.

Krankheitsverlauf / Diagnostik

Nach einem uncharakteristischen Krankheitsbeginn mit leichtem Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen über 1-2 Tage kommt es zu dem für die Varizellen typischen juckenden Exanthem (Exanthembildung 3-5 Tage, Fieber selten über 39°C). Es zeigt sich hier ein typischer Verlauf. Rasch bilden sich linsengroße rote Flecken (Makula), die in Knötchen übergehen (Papeln). Aus denen sich wiederum dünnwandige Bläschen (2-5mm) mit wasserklarem Inhalt und schmalem rötlichen Hof bilden. Diese Bläschen platzen später auf. Es bilden sich Krusten, die nach 2-3 Wochen abfallen.

Mit jeder Virämie (Virusschwemme im Blut) kommt es zu einer neuen Welle von Bläschen, weshalb es immer eine Vielzahl im gleichen Entwicklungsstadium (Makula, Papel, Kurse) nebeneinander gibt. So entsteht das typische Bild des "Sternenhimmels". Gleichsam der Sterne auf dem Nachthimmel verteilen sich die Bläschen unterschiedlicher Altersklassen auf der Haut des Patienten. Bleibt eine Verletzung der tieferen Hautschichten aus (z.B. durch Kratzen und eine Superinfektion) verheilen die Bläschen in der Regel ohne Narben.

Diese Läsionen erscheinen zuerst am Körperstamm und im Gesicht und können schnell auf andere Körperteile unter Einbeziehung der Schleimhäute und behaarten Kopfhaut übergreifen. Hierbei kann die Ausprägung sehr unterschiedlich sein. Kleinere Kinder bilden meist weniger Bläschen aus als ältere Personen. Im Mittel dauert es vom Beginn bis zum Auftreten der letzten "frischen" Bläschen 3-5 Tage. Nach dem Verkrusten fallen diese schließlich nach 2-3 Wochen ohne Narbenbildung ab, sofern weitere Hautschichten unverletzt blieben (z.B. Kratzen, Superinfektion).

Bei Neugeborenen (ohne mütterl. Antikörperschutz), Personen mit geschwächter Immunabwehr und Patienten unter einer immunsuppressiven Therapie (z.B. Glukokortikoid- oder zytostatische Therapie) können sich jedoch schwere, auch hämorrhagische Krankheitsverläufe, nicht selten mit letalem Ausgang, entwickeln. Schwere Krankheitsverläufe werden aber auch bei sonst gesunden Kindern beobachtet.

Diagnostik

Eine Diagnose erfolgt im Regelfall klinisch. Laboruntersuchungen werden nur in besonderen Fällen (z.B. atypische Verläufe) nötig.

Komplikationen

Die Bedeutung der Windpocken, auch als impfpräventable Erkrankung, ergibt sich vor allem aus den möglichen Komplikationen der Erkrankung (Komplikationsrate insgesamt 5,7%), sei es für die Person selbst, wie auch für mögliche Kontaktpersonen (z.B. Schwangere, Immunsuppremierte). An dieser Stelle seien nur die wichtigsten genannt:

bakterielle Superinfektion

Die häufigste Komplikation einer Varizellen-Infektion ist eine bakterielle Superinfektion der Hautläsionen, meist verursacht durch Streptococcus pyogenes oder Staphylococcus aureus.

Varizellen-Pneumonie

Eine weitere schwerwiegende Komplikation ist die Varizellen-Pneumonie. Als Komplikation tritt sie häufiger bei Erwachsenen (bis 20%) als bei Kindern auf und beginnt gewöhnlich 3-5 Tage nach Krankheitsausbruch. Schwangere Frauen sind besonders gefährdet. 3-14% letaler Verlauf.

ZNS-Manifestationen

Beteiligungen des zentralen Nervensystems sind in ca. 0,1% zu beobachten und äußern sich in einer meningealen Reizung oder akuter zerebellärer Ataxie. Insgesamt besteht eine günstige Prognose.

fetales Varizellensyndrom

Grundsätzlich ist bei einer Erstinfektion mit dem Varicella-Zoster-Virus eine Übertragung von der erkrankten Mutter auf das Kind im Mutterleib (diaplazentar) während der gesamten Schwangerschaft möglich. Das Ausmaß der Schädigung hängt hierbei auch vom Zeitpunkt ab. Es reicht von der symptomlosen Infektion bis zum Abort (Fehlgeburt).

Beim Auftreten von Windpocken im ersten und zweiten Trimenon (5.-24. SSW) der Schwangerschaft kann ein so genanntes fetales Varizellensyndrom entstehen, das in seinem Vollbild durch segmental angeordnete Hautveränderungen (Skarifikationen, Ulcera, Narben), neurologische Erkrankungen und Fehlbildungen (Hirnatrophie, Paresen, Krampfleiden), Augenschäden (Mikrophthalmie, Chorioretinitis, Katarakt) und Skelettanomalien gekennzeichnet ist.

Hinweis: Eine Gürtelrose (Herpes zoster) stellt während der Schwangerschaft kein erhöhtes Risiko für Mutter oder Kind dar. Das Virus breitet sich nur entlang der Nervenbahnen aus. Eine Virämie (Streuung der Viren über das Blut) erfolgt nicht. Somit erfolgt auch keine diaplazentare Übertragung. Außerdem sind durch die zurückliegende Erstinfektion Antikörper im Blut der Mutter vorhanden. Diese schützen auch das Kind im Mutterleib.

Vor einer geplanten Schwangerschaft sollte ähnlich der Empfehlungen für Röteln auch hier auf eine ausreichende Immunität geachtet werden.

neonatale Windpocken

Vom oben beschriebenen fetalen Varizellen-Syndrom abzugrenzen ist die Windpocken-Erkrankung des Neugeborenen. Erkrankt die Mutter innerhalb von 5 Tagen vor der Geburt oder bis zu 48 Stunden danach, konnten transplazentar keine protektiven Antikörper an das Kind weitergegeben werden. Das Virus trifft hier auf ein unreifes Immunsystem. Es ist mit schwersten Verläufen und einer Letalitätsrate bis zu 30% zu rechnen. Das größte Risiko haben Neugeborene, die zwischen dem 5. und 10. (12.) Lebenstag an Varizellen erkranken.

Vor einer geplanten Schwangerschaft sollte ähnlich der Empfehlungen für Röteln auch hier auf eine ausreichende Immunität geachtet werden. Evtl. sollte auch das nahe Umfeld (Vater) mit in die Kontrolle einbezogen werden.

Therapie

Derzeit steht keine kausale Therapie zur Verfügung. Es erfolgt lediglich eine symptomatische Behandlung (z.B. Juckreiz) sowie eine Vorbeugung möglicher bakterieller Superinfektionen. Gegebenenfalls kann eine Antibiose nötig werden. Eine antivirale Therapie erfolgt nur in Ausnahmefällen. Sollte diese erfolgen, ist sie möglichst früh einzuleiten (möglichst innerhalb der ersten 2-3 Tage nach Symptombeginn).

Zu beachten ist, dass Salicylate (z.B. Acetylsalicylsäure [Aspirin®]) bei Kindern mit einer Varizellen-Infektion nicht gegeben werden sollten. Die Medikation steigert das Risiko eines Reye-Syndroms.

Epidemiologie

Das Varicella-Zoster-Virus (VZV) ist ein weltweit verbreitetes DNA-Virus, welches sich durch eine hohe Kontagiosität auszeichnet. So wurde die Erkrankung als Erstinfektion (exogene Primärinfektion, vgl. oben) vor einer regelhaften Impfung (vgl. Impfplan) auch hierzulande im Kindesalter erworben. Die Windpocken zählten zu den "klassischen Kinderkrankheiten" wie Mumps, Masern, Röteln.

Säuglinge erkrankten aufgrund der mütterlichen Antikörper bis zum 6. Lebensmonat selten. In der Vor-Impf-Aera konnten in der Alterklasse von 7-8 Jahren bei 85% der Kinder Antikörper gegen Varizellen nachgewiesen werden, was einem Zustand nach einer Erstinfektion entspricht (Alter 10-11 Jahre: ca. 90%; Erwachsene: nahezu 100%).

Zu beachten ist, dass ca. 5% der Frauen im gebärfähigen Alter seronegativ sind. Gleiches wird auch für die Männer gelten. Für beide Geschlechter bedeutet dies ein erhöhtes Risiko eines erschwerten Krankheitsverlaufes bei einer Erstinfektion im Erwachsenenalter mit gesteigerter Komplikationsrate. Zum anderen besteht natürlich für die Frauen das Risiko einer Infektion während der Schwangerschaft. Auch kann das Neugeborene durch die ungeschützten Eltern bei deren Erkrankung miterkranken (vgl. oben)

Reservoir und Übertragung

Eine Übertragung der Viren erfolgt als Tröpfcheninfektion, eine Schmierinfektion ist möglich. Insbesondere die relativ weite aerogene Übertragung durch virushaltiges Material ohne direkten Kontakt führte zu dem Namen "Windpocken".

Der Mensch ist das einzige bekannte Reservoir des Varicella-Zoster-Virus.

… weitere Informationen: Ansteckung / Inkubation  

Steckbrief Erreger
Erreger: Varicella-Zoster-Virus (VZV): Behülltes, doppelsträngiges DNA-Virus (dsDNA), welches zur Familie der Herpesviridae (Herpesviren) gezählt wird.
Infektionsquelle: Der Mensch ist das einzige bekannte Reservoir des Varicella-Zoster-Virus. Als Infektionsquelle dienen Windpocken-Erkrankte (exogene Erstinfektion) und Zoster-Erkrankte (endogene Reaktivierung)
Übertragung: meist über Tröpfcheninfektion (Nasen-Rachensekret, Stuhl oder Harn von Windpockenkranken),
aber auch als Schmierinfektion bei einer Gürtelrose (Herpes zoster, endogene Reaktivierung)
Inkubationszeit: (8-)14-16(-28) Tage
Krankheitsbild: Man unterscheidet bei dem Varicella-Zoster-Virus grundlegend zwei Kranheitsbilder:

Exogene Primärinfektion (Erstinfektion)

Nach Inkubation und Virusvermehrung im lokalen lymphatischen Gewebe erfolgt eine Ausbreitung über das Blut. Nach weiterer Vermehrung im retikuloendothelialen System kommt es erneut und schubweise zu Ausbreitungen der Viren über das Blut. Auf der Haut verursacht dies die tpischen Effloreszenzen unterschiedlichen Alters (Sternenhimmel). Das Virus erreicht schließlich auch das ZNS und kann hier nach Ausheilung persistieren.

Endogene Reaktivierung

Im Verlauf des Lebens kommt es zu einer meist lokal begrenzten Reaktivierung (meist im Rahmen einer Immunschwäche). Genaue Ursachen für eine Reaktivierung sind unbekannt (vgl. Zoster).
Diagnose: in der Regel klinisch (hohe Sicherheit),
selten laborchemische Diagnostik nötig
Behandlung: Exogene Primärinfektion: keine kausale Therapie, nur symptomatische Behandlung sowie Vorbeugung möglicher bakterieller Superinfektionen.

Endogene Reaktivierung: Hemmung der Virusvermehrung (Virustatikum), Schmerzlinderung, lokale Therapie zur Rückbildung der Hautläsionen (z.B. durch austrocknende, teilw. anästhetische Lotionen)

Impfstoff

Anfangs stand in Deutschland (Erstzulassung 1984) nur ein aufwändig zu handhabender Impfstoff zur Verfügung (z.B. Lagerung bei -20°C). Er fand nur bei sehr eingeschränkter Indikation Verwendung (hohes Risiko für schwere Varizellen-Erkrankung bei seronegativen Personen). Erst als 1994 ein neuer Impfstoff zur Verfügung stand, erfolgte eine zunehmende Erweiterung der Impfempfehlung (1994: Kinder bis 6 Jahre und seronegative Frauen mit Kinderwunsch; 2001: Erweiterung auf Jugendliche bis 12-15 Jahre ohne Varizellen-Anamnese; 2004: Aufnahme in die allgemeinen Impfempfehlungen; 2009: allgemeine 2. Varizellen-Impfung).

Impfschutz

Bei den Varizellen-Impfstoffen handelt es sich um Lebendimpfstoffe. Es gelang einen 1970 in Japan gewonnenen Virusstamm (Oka-Stamm) durch unterschiedliche Wirtspassagen zu attenuieren, d.h. die krankheitserzeugenden Eigenschaften wurden abgeschwächt. Auf diesem Oka-Stamm basieren auch heutige Impfstoffe.

Der Impfstoff steht als monovalenter Impfstoff (nur Varizellen, seit 2004) oder als Kombinationsimpfstoff (MMR-V, seit 2006) zur Verfügung. Im Regelfall sind beide Impfstofftypen gleich immunogen und erzeugen eine vergleichbare Serokonversion. (vgl. MMR-Serokonversion). Bezüglich der Wahl MMR + V oder MMR-V besteht grundsätzlich kein bzw. kaum ein Unterschied. Aufgrund einiger vermehrter Fieberkrämpfe bei der 1. Impfung von MMR-V gibt es eine Handlungsempfehlung des Robert Koch-Institutes. Einen Kommentar hierzu finden Sie unter Masern: MMR+V vs. MMR-V

Bereits bei der ersten Impfung erreicht man bei Kindern nach 6-8 Wochen Serokonversionsraten von 95-97% (Erwachsene 90%). Doch durch eine zweite Impfung kann zum einen eine verbesserte Impfantwort generiert werden (höhere Antikörpertiter, verbesserte T-Zell-Immunität), zum anderen können Impfversager durch Fehler bei der ersten Applikation (Antikörper nach vorheriger passiver Immunisierung, noch vorhandene mütterliche Antikörper, unwirksame Impfcharge, Applikationsfehler, Lagerungs-/Transportfehler,…) aufgefangen werden.

Durchbruchserkrankungen Varizellen USA 1993-2003,
Quelle:Pediatr Infect Dis J 2004;23:132

Trotz flächendeckender Impfungen kommt es gelegentlich immer wieder zu Durchbruchserkrankungen. Diese verlaufen jedoch deutlich milder als bei Ungeimpften. Auch konnte durch eine zweimalige Impfung die Anzahl der Durchbruchserkrankungen deutlich reduziert werden. Dies veranlasste schließlich 2009 die STIKO (ständige Impfkommission des Robert Koch-Institutes) zur erneuten Änderung der Impfempfehlung auf eine zweimalige Impfung.

Einige Autoren unterscheiden den "tatsächlichen Schutz" vor einer Varizellen-Infektion durch die Impfung (ca. 70%) und den Schutz vor einer schweren Erkrankung oder Komplikationen (ca. 90%).

Durch Serokonversionsraten im Kindesalter >90% lässt sich sicherlich eine Herdenimmunität erzeugen. Aber konkrete Aussagen über die Dauer des Impfschutzes sind noch nicht zu machen. Da erst eine verhältnismäßig kurze Erfahrung vorliegt, gibt es auch keine weitreichenden Erkenntnisse zum Langzeitschutz durch die Impfung.

Von einem sicheren Schutz in den ersten Jahren (6-10 Jahre) ist auszugehen. Durch gelegentliche Kontakte mit dem Wildvirus erfolgt stetig eine "automatische" Boosterung, was nach derzeitiger Meinung zu einem lebenslangen Schutz führen sollte. Ein Auffrischen ist somit nicht nötig.

Impfvarizellen (Impfwindpocken)

Da es sich um einen Lebendimpfstoff handelt, ist ähnlich der Impfmasern auch das Auftreten von Impfvarizellen (Windpocken) möglich (ca. 1-3%). Hierbei handelt es sich aber nur um wenige Pöckchen. Das Risiko steigt im Jugendlichen- und Erwachsenenalter, was eine frühe Immunisierung nahelegt.
Übertragung des Impfvirus

Wie bei vielen anderen Lebendimpfungen ist eine Übertragbarkeit des Impfvirus auf ungeschützte Personen ähnlich der Impfpolio möglich. Zu unterscheiden ist hierbei die Ansteckungsfähigkeit des Impflings. Im Regelfall (immunkompetenter Impfling) kann bei Auftreten von sogenannten Impf-Varizellen oder Impf-Windpocken (Exanthem mit Vesikeln) über die virushaltige Flüssigkeit eine Ansteckung von ungeschützten Personen erfolgen. Wurden immunsuppremierte Personen geimpft, wird virushaltiges Material auch über andere Körperflüssigkeiten (Nasen-Rachen-Sekret, Tränenflüssigkeit,…) ausgeschieden und kann zu einer Ansteckung führen. Hier ist mit einem Ansteckungsrisiko entsprechend dem Wildvirus zu rechnen.

Ist eine Ansteckung mit dem Impfstamm erfolgt, verläuft die Erkrankung im Regelfall mild (attenuierter Impf-Virusstamm). Lediglich für immunsuppremierte Personen stellt eine Infektion ein erhöhtes Risiko dar.

Grundimmunisierung

Seit 2009 gehört neben der MMR-Impfung auch die zweimalige Varizellen-Immunisierung zu den Standardimpfungen (vgl. Impfplan). Hierbei kann eine Immunisierung in Kombinationsimpfstoffen (MMR-V) oder einer monovalenten Gabe (V), meist gleichzeitig mit dem Mumps-Masern-Röteln-Impfstoff (MMR) erfolgen.

Bezüglich der Wahl MMR + V oder MMR-V besteht grundsätzlich kein bzw. kaum ein Unterschied. Aufgrund einiger vermehrter Fieberkrämpfe bei der 1. Impfung von MMR-V gibt es eine Handlungsempfehlung des Robert Koch-Institutes. Einen Kommentar hierzu finden Sie unter Masern: MMR+V vs. MMR-V

Generelle Immunisierung im Kindesalter

Die Immunisierung sollte im Regelfall zwischen dem 11. und dem 14. Lebensmonat begonnen werden und möglichst bis zum Ende des 2. Lebensjahres abgeschlossen sein, um den frühestmöglichen Impfschutz zu erreichen.

Zur Minimierung der Non-Responder-Rate wird ähnlich dem MMR-Impfstoff auch hier inzwischen von der STIKO (ständige Impfkommission des Robert Koch-Institutes) generell eine 2. Impfung empfohlen. Diese kann frühestens vier Wochen nach der 1. Impfung erfolgen.

Im Gegensatz zu den anderen impfpraeventablen exanthematischen Erkrankungen (Masern, Röteln) zeigen sich aber in Untersuchungen anamestische Aussagen von Patienten zu einer stattgehabten Windpockenerkrankung als verwertbar. Eine serologische Testung oder ein "sicherheitshalber" Impfen ist in der Regel nicht nötig.

Indikationsimpfung

Neben dieser generellen Impfempfehlung im Kindesalter (Nachholimpfungen ins 17. Lebensjahr) besteht auch eine Impfempfehlung für verschiedene Indikationen (bei Seronegativität):
  • seronegative Frauen mit Kinderwunsch
  • seronegative Patienten vor geplanter immunsuppressiver Therapie oder Organtransplantation
  • "empfängliche Personen" (keine Impfung oder Erkrankung in Vergangenheit) mit schweren chonischen Hauterkrankungen (z.B. Neurodermitis)
  • Personal mit Kontakt zu Personen, bei denen eine VZV-Infektion ein Risiko bedeuten würde - Schutz vor einer Ansteckung Dritter (z.B. med. Peronal Gynäkologie/Geburtshilfe [Kontakt mit Schwangeren], Pädiatrie, Onkologie, Dermatologie,…)
  • Personen mit einem höheren Risiko bei einer Ansteckung - individueller Schutz (z.B. Personal in Kinderkrippen, Kindergärten,…)

Auffrischung

nicht nötig

Postexpositionsprophylaxe

Bei seronegativen Personen nach einem Kontakt bis zu 5 Tage nach Exposition möglich. Bei Schwangeren kann eine passive Immunisierung (Immunglobulingabe) diskutiert werden.
Steckbrief Impfstoff
Impfstoff: Lebendimpfstoff
eine Impfung erfolgt üblicherweise in Kombinationsimpfung oder als Simultangabe:
Impfempfehlung: Teil der Standardimpfungen für Kinder und Jugendliche (vgl. Impfkalender)

Grundimmunisierung: 11.-14. Lebensmonat bzw. 15.-23.Lebensmonat.

empfohlene Impfung für alle gebärfahligen Frauen

Empfehlung für Deutschland: derzeit nicht Teil der Standardimpfungen, Indikationsimpfung (z.B. berufliche oder medizinische Indikationsimpfung)

Auffrischung: keine
Impfabstände: Als Lebendimpfstoff sind Abstände zu anderen Lebendimpfungen (z.B. Rotaviren, Mumps, Masern, Röteln, Varizellen, Gelbfieber, …) und zu einer möglichen passiven Immunisierung (z.B. Tetagam®) zu beachten.

andere Lebendimpfungen
Andere Lebendimpfungen können entweder geichzeitig (z.B. MMR / MMR-V) oder in einem Abstand von mind. 4 Wochen (besser 6 Wochen) gegeben werden. Zu Totimpfstoffen ist kein besonderer Abstand einzuhalten.

passive Immunisierung - Abstand zu beachten!
Die Gabe von Immunglobulinen kann für einen Zeitraum von bis zu drei Monaten die Wirksamkeit von Impfungen mit Lebend-Impfstoffen wie z. B. gegen Mumps, Masern, Röteln und Varizellen beeinträchtigen. Nach Verabreichung von Tetagam® sollte ein Abstand von mindestens drei Monaten vor der Impfung mit Virus-Lebend-Impfstoffen eingehalten werden. Im Falle von Masern kann die Beeinträchtigung bis zu fünf Monate anhalten. Deshalb sollten Patienten, die Masernimpfungen erhalten, ihren Antikörperstatus prüfen lassen.
Alter:

Grundimmunisierung zwischen dem 11.-14. Lebensmonat bzw. 15.-23.Lebensmonat.

Nachholimpfung grundsätlich in jedem Alter mgl. (vgl. Impfkalender)

Lokal- und Allgemeinreaktionen: Neben den Lokalreaktionen kann es bei der Varizellenimpfung selten zu leichtem Fieber und eventuell sogar zu einem flüchtigen Hautausschlag ("Impf-Windpocken") kommen. Bei dem MMR(-V) Impfstoff überwiegen aber meist die sogenannten "Impfmasern". Weitere Allgemeinsymptome wie Temperaturerhöhung, grippeähnliche Symptome oder Magen-Darm-Beschwerden treten gelegentlich auf.
Komplikationen:

Allergische Reaktionen sind wohl aufgrund des Herstellungsverfahrens (Hühnerembryonen) besonders zu erwähnen. Bei bekannter Allergie gegen Hühnereiweiße ist eine Impfung nicht möglich.

Weiter wurden Fieberkrämpfe bei Säuglingen, insb. bei Kombinationsimpfstoffen (MMR-V) beobachtet. Weitere Behauptungen wie eine Verursachung von Autismus konnte widerlegt werden.

Weitere Informationen entnehmen Sie bitte der Fachinformation des Herstellers.

weiterführende Seiten

Quellen: Epidemiologische(s) Bulletin(s), Robert Koch Institut
  Bernhard-Nocht-Institut (Tropenmedizin Hamburg)
  www.reisemedizin.de
  www.impfakademie.de
  www.fit-for-travel.de
  www.impfservice.de
  www.impfen-aktuell.de
  www.reisemed.at
  Centrum für Reisemedizin
  WHO (www.who.int, www.who.int/immunization_monitoring)

Hinweis: An dieser Stelle sind allgemeine Informationen zu der Erkrankung genannt. Auch die im Steckbrief aufgeführten Daten sind nur eine Zusammenfassung und beinhalten nicht alle möglichen Symptome oder Komplikationen nach einer Impfung. Hierzu bitten wir andere Quellen (z.B. www.fachinfo.de), zu Rate zu ziehen. Außerdem empfehlen wir für Patienten eine ärztliche Rücksprache zu Fragen vor einer entsprechenden Impfung.