ASS und Ibuprofen

gefährliche Interaktion

Ibuprofen

Die Hemmung der Cyclooxygenasen (COX) durch Ibuprofen erfolgt unselektiv, d.h. eine Hemmung erfolgt etwa zu gleichen Teilen. Außerdem ist die Hemmung reversibel, dass bedeutet, nach einer Bindung des Medikamentes an das Enzym (Hemmung) löst sich der Wirkstoff wieder und das Enzym kann sozusagen unbeschadet seiner Funktion weiter nachgehen.1

Durch die Hemmung der Cyclooxygenasen kommt es zur gewünschten Wirkung. Zur Analgesie (Hemmung von Schmerz), zur Entzündungshemmung und zur Fiebersenkung. Aber auch die Nebenwirkungen lassen sich durch die Hemmung der Cyclooxygenase erklären (z.B. Magenulcera).

ASS (Acetylsalicylsäure)

Im Gegensatz zu Ibuprofen kommt es beim ASS (Acetylsalicylsäure) zu einer irreversiblen Hemmung durch eine Acetylierung der Cyclooxygenase. Das Enzym ist unwiederbringlich nach einer Bindung durch den Hemmstoff (ASS) zerstört. Die Bindungsstelle für ASS, Ibuprofen und die meisten anderen NSAR liegt innerhalb eines schmalen hydrophoben (wasserabweisend) Kanals im Kern des COX-1-Enzyms. Durch die benachbarte Lage der Bindungsstellen kommt es zwischen Ibuprofen und ASS zu einer kompetitiven Wechselwirkung.2

Die Acetylierung durch ASS führt bei der COX-2 im Gegensatz zur COX-1 nicht zur vollständigen Inaktivierung, was von einigen Autoren als Grund für die weitgehende COX-1-Selektivität angegeben wird.2 Es werden bezüglich der COX-1-Selektivität unterschiedliche Faktoren von 10-100x angegeben.1

Nachdem nun die COX-1 durch ASS irreversibel gehemmt wurde, also das Enzym unwiederbringlich zerstört wurde, müssen die Zellen ein neues Enzym herstellen. Zum Beispiel brauchen die Schleimhautzellen des Magens 5-8 Tage zur vollständigen Regeneration der COX-1.4 Da aber die Blutplättchen (Thrombozyten) keinen Zellkern besitzen, können sie keine "neue" Cyclooxygenase herstellen. Als Abschnürung von Megakaryozyten aus dem Knochenmark besitzen sie zwar alle nötigen Enzyme, können diese aber nicht mehr neu herstellen (synthetisieren). Wird die COX-1 nun durch ASS irreversibel gehemmt, ist dies für die Thrombozyten endgültig.

Diesen Sachverhalt macht man sich gezielt bei der Hemmung der Blutplättchen (Thrombozyten) zu nutze. Gewünscht ist dies bei kardio- bzw. neurovaskulären Erkrankungen (Gefäßstenose, KHK, nach Herzinfarkt). Hier fürchtet man einen Verschluss des Blutgefäßes und möchte dem mit der Gabe von ASS vorbeugen. Durch die hohe Affinität des ASS zur COX-1 reichen dafür relativ niedrige Dosen aus. Üblicherweise wird im Rahmen der Behandlung das ASS als low-dose-Therapie (100-300mg) eingesetzt.

Erst in deutlich höheren Dosen (500mg) kommt es durch ASS auch zur Hemmung der COX-2 (Schmerz, Entzündung, Fieber,...).

Da die COX-1, wie erwähnt, in den zellkernlosen Thrombozyten (Blutplättchen) nicht neu gebildet werden kann, ist eine Thrombozytenaggregation, also ein Zusammenlagern im Rahmen der Blutgerinnung, nicht mehr möglich. Für die Lebenszeit des Thrombozyten (8-12 Tage) ist die gewünschte Hemmung wirksam.

Die Interaktion

Ein Patient, der täglich nur ASS (z.B. ASS 100mg) einnimmt, hemmt die COX-1 der Thrombozyten über die oben beschriebene low-dose-Therapie im gewünschten Ausmaß. Nimmt ein Patient nun zuerst Ibuprofen, kommt es zur reversiblen Hemmung der Cyclooxygenase (COX-1 und COX-2). Das vor ASS eingenommene Ibuprofen kann somit den Zugang zum Bindungsplatz von ASS in den Kanal der COX-1 blockieren und dadurch die irreversible Acetylierung verhindern (vgl. oben).3

Später eingenommenes ASS kann an der COX-1 der Thrombozyten nicht mehr binden. Das niedrig dosierte ASS wird schnell aus dem Körper eliminiert. Wenn die Bindungsplätze an der COX-1 vom Ibuprofen später freigegeben werden, ist das ASS bereits zu einem Großteil ausgeschieden. Somit kommt es nicht zur gewünschten irreversiblen Hemmung der Thrombozyten.1

Ob sich dieser Effekt nachteilig auf die präventive Wirkung von ASS auswirkt, ist bisher durch keine klinische Studie sicher belegt worden. Laut Hinweisen des FDA gibt es aber Daten aus unpublizierten Arbeiten, die eine Beeinflussung entsprechend des oben beschriebenen Gedankenmodells belegen.1,5

Hier werden Interaktionen bezüglich der Thrombozytenaggregations-Hemmung angegeben für Einnahmen von ASS und Ibuprofen 400mg in einem zeitlichen Intervall 8h vor und 30min. nach einer ASS-Einnahme.

Beim so genannten magensaftresistenten ASS („enteric-coated“-ASS) zeigt sich eine noch ungünstigere Interaktion. Durch die langsamere Freisetzung des magensaftresistenten ASS werden Beeinflussungen der ASS-Wirkung auch noch in Abständen von 7-12Stunden nach einer Ibuprofen-Medikation beschrieben. Dies deutet darauf hin, dass eine pharmakodynamische Interaktion zwischen magensaftresistentem ASS („enteric-coated“ ASS) und Ibuprofen schwer vermeidbar ist. Die FDA (Food and Drug Administration) gibt hier keine Empfehlungen zur gleichzeitigen Einnahme ab.5

weiterführende Seiten

Quellen: 1) deutsches Ärzteblatt, 2006 - ... Link folgen
  2) Herbert Kellner, Pharmazeutische Zeitung Online, 2004 - ... Link folgen
  3) Roberts LJ, Morrow JD. Analgesic-anitpyretic and anti-inflammatory agents and drugs employed in the treatment of gout. In: Hardman JG, Limbird LI, Gilman AG, eds. Goodman & Gilman’s The pharmacologic basis of therapeutics. 10th edition. New York: McGraw-Hill; 2001. p. 687–731.
  4) SEGAM CURRICULUM: Hans-Peter Wirth, Rainer Hürlimann, Thomas Flückiger: NSAR und COX-2-Hemmer: die häufigsten unerwünschten Wirkungen
  5) FDA (Food and Drug Administration) - New Information about Taking Ibuprofen and Aspirin Together 2006