IMT

Intima Media Thickness

In vielen Bereichen besteht der Wunsch vor jeglichen Symptomen, Anzeichen für ein erhöhtes Erkrankungsrisiko zu finden. Ziel der Diagnostik ist die Möglichkeit, frühzeitig, eben vor möglichen Symptomen, eine Erkrankung zu verhindern oder hinauszuzögern. Diese Aussage gilt wohl für viele Bereiche der Medizin und wird allgemein unter dem Begriff Screening zusammengefasst.

Arteriosklerose

Statioen der Arteriosklerose
Auch im Bereich der Arteriosklerose (ugs. "Gefäßverkalkung") mit ihrem kardiovaskulären Risiko und den gefürchteten Folgeerkrankungen (z.B. Herzinfarkt, Schlaganfall, periphere arterielle Verschlusskrankheit [pAVK],…) sind inzwischen verschiedene Screening-Verfahren etabliert. Mit diesen soll besagtes kardiovaskuläres Risiko (frühzeitig) abgeschätzt werden, um ggf. entsprechend reagieren zu können.

Die Arteriosklerose bezeichnet zu einem Teil den "normalen" Alterungsprozess der Gefäßwand. Dieser beginnt bereits im Kindesalter. So findet man im Vergleich vom jungen Erwachsenen bis zum Greis eine 3x gesteigerte Dicke des Intima-Media-Komplexes (vgl. unten).

Zum "normalen" Verschleiß kommt aber, bedingt durch verschiedene Einflüsse (entsprechend vorhandene kardiovaskuläre Risikofaktoren: z.B. Rauchen, Bluthochdruck, Übergewicht, Hypercholesterinämie,…), eine gesteigerte Alterung hinzu. Je nach Ursache kommt es zu einer vermehrten Verbreiterung der Media (z.B. Hypertonie → Verbreiterung der Muskelschicht) oder der Intima (z.B. Lipideinlagerung, Plaquebildung). Auch diese übermäßige Alterung der Gefäßwand wird im Allgemeinen als Arteriosklerose bezeichnet.

Eine gesteigerte Gefäßalterung steht mit einem gesteigerten kardiovaskulären Risiko in Verbindung. Aus diesem Grunde möchte man diese möglichst frühzeitig, vor jeglichen Symptomen (also subklinisch), entdecken.

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, die Arteriosklerose und ihr Ausmaß direkt (z.B. Sonographie der Bauchaorta, Röntgenaufnahme,…) oder indirekt (ABI-Messung) zu erfassen. Je nach Ausmaß der Wandveränderung und Abbildungsgüte kann die Arteriosklerose entsprechend erfasst werden. So zeigt sich eine Wandveränderung im Röntgenbild oder bei der Abdomensonographie sicherlich erst im fortgeschritteneren Stadium.

Als Fenster zum Gefäßsystem gilt die hochfrequente Sonographie der Halsgefäße. Hier werden mögliche Plaques dargestellt und die Intima-Media-Dicke (IMT) gemessen.

 

Die Intima-Media-Dicke (IMT)

Die Gefäßwand: Intima, Media, Adventitia
Die Messung der Intima-Media-Dicke (IMT) an den Halsgefäßen stellt schon seit Jahren ein etabliertes Verfahren dar, um das individuelle kardiovaskuläre Risiko besser einzuschätzen. Bereits Jahrzehnte vor dem Einsetzen von Symptomen kann ein erhöhtes Risiko erkannt werden. Quasi wird mittels der IMT die "persönliche arteriosklerotische Last" bestimmt.

Auch konnte eine Korrelation zu den bekannten Risikofaktoren (z.B. Cholesterin, Adipositas, Rauchen, Hypertonie, Diabestes mellitus, …) gezeigt werden.1,2,3

1986 wurde erstmals mittels Sonographie die IMT (Intima-Media-Thickness: Dicke des Intima-Media-Komplexes) durchgeführt.4,5,6 Inzwischen ist ein Zusammenhang zwischen dem Ausmaß der hier bestimmten subklinischen Arteriosklerose und dem kardiovaskulären Risiko in zahlreichen Studien hinlänglich belegt.4,7-11 Eine erhöhte IMT steht in Verbindung mit einem gesteigerten Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall oder kardiovaskulärem Tod.4,9,10,12-17. Dies konnte auch in einem Review der größeren Studien bestätigt werden.18

Anzumerken ist, dass die Datenlage der Studien nur auf Personen zwischen 42-74 Jahren beschränkt ist. Für die anderen Altersklassen liegen nur wenige Daten vor. Von einer wesentlichen Abweichung ist aber nicht auszugehen.

Aber allein das Wissen um diese Korrelation zwischen IMT und kardiovaskulärem Risiko wäre ohne größere Bedeutung, wenn nicht effektive Behandlungsoptionen bestehen würden. Das heißt, dass je nach Stadium verschiedene Maßnahmen ergriffen werden können, die einen Effekt auf das kardiovaskuläre Risiko haben.

Denn allgemein ist ein frühzeitiges Erkennen, ein Screening, nur dann sinnvoll, wenn auch eine Behandlungsoption besteht. Im Falle der subklinischen Arteriosklerose und des kardiovaskulären Risikos sind das z.B. diätetische Maßnahmen, Sport, Gewichtsreduktion, Nikotinverzicht, Blutdruckeinstellung, Blutzuckereinstellung, Cholesterinsenker,…

In Bezug auf die IMT konnte eine Hemmung der Zunahme bzw. sogar teilweise eine Reduktion unter der Therapie gezeigt werden. Effekte zeigten sich unter der Therapie mit Statinen19-24 sowie bei Ca2+Antagonisten25 und β-Blockern26.

 

Messung der IMT

Die Dicke des Intima-Media-Komplexes (IMT) kann mittels einer hochfrequenten Sonographie (üblicherweise an den Halsgefäßen) bestimmt werden.

Da bei der heutigen Ultraschalltechnik eine alleinige Bestimmung der Intima nicht möglich ist, erfolgt eine Messung von der vorderen Kante der Intima (helle Grenze zum Gefäßlumen) zur Grenze zwischen Media (dunkle Schicht) und heller Adventitia. Diese Messung wird auch als „leading edge to leading egde“ (Vorderkante zu Vorderkante) bezeichnet. Eine Bestimmung erfolgt aus technischen Gründen an der schallkopffernen Gefäßwand ("far wall").

Am Hals wird die IMT auf beiden Seiten gemessen. Dies erfolgt in einem Gefäßabschnitt ca. 1cm vor der Gefäßaufzweigung der A. carotis communis in die A. carotis intern und externa. Eine Bestimmung ist halbautomatisiert oder als Durchschschnitt mehrerer Einzelmessungen über einen Abschnitt von min. 1cm möglich.

Neben der reinen IMT-Dicke können auch mögliche Plaques als begrenzte Verbreiterung (regional Verdickung um 50% des IMT4,17, IMT > 1,5mm, regional IMT > 0,5mm4,27,28) der Gefäßwand nachgewiesen werden. In der Sonogrphie ist dann nicht nur eine reine Größenbestimmung, sondern auch eine Einordnung der Plaque-Morphologie möglich. Auch dies gibt Auskunft über ein mögliches Risiko für kardiovaskuläre Folgeerkrankungen.

geringe Intima-Media-Dicke (0,3mm) höhere Intima-Media-Dicke (0,9mm)

Warum verdickt sich die IMT?

Die Pathologie ist vollends nicht verstanden. Viele Faktoren spielen im Rahmen der beschriebenen Gefäßalterung eine Rolle und es kommt zu einer Verbreiterung der Intima (endotheliale Faktoren, Lipideinlagerung, Plaquebildung,…) und der Media (Hyperplasie der glatten Muskulatur, Fibrose,…).

Sonographisch kann derzeit bei einem verbreiterten Intima-Media-Komplex (IMT) keine Unterscheidung entsprechend möglicher Ursachen (z.B. zwischen der Lipideinlagerung als Zeichen der Arteriosklerose oder der Verbreiterung der Media als Anpassung an einen erhöhten Blutdruck) erfolgen. Dies gelingt nur im histologischen Präparat unter dem Mikroskop.

Grundsätzlich ist allen Gründen gemein, dass in der Summe die IMT zunimmt. Eine Korrelation zum kardiovaskulären Risiko ist jedoch bei beiden der o.g. Ursachen gegeben.

 

IMT-Normwerte

Nachdem im Jahr 2000 in der "American Heart Association Prevention Conference" erklärt wurde, dass die IMT zur Risikoabschätzung der koronaren Herzkrankheit genutzt werden kann4,29, wurde schließlich vom NCEP (National Cholesterol Education Program) 2001 ein Überschreiten der 75%-Perzentile als kardiovaskulärer Risikofaktor eingestuft. Später wurden nach Ergebnissen der ARIC-Studie (Atherosclerosis Risk in Communities Study) die Normwerte korrigiert.

Die 50%-Perzentile gilt nunmehr als Normwert. Die 75%-Pertentile hingegen wird als kritische Grenze für ein erhöhtes kardiovaskuläres Risiko im Vergleich zum "Normalen" (50%-Perzentile) festgelegt. Ein Überschreiten impliziert eine Therapiebedürftigkeit.

Entsprechend ergibt sich bei IMT-Werten kleiner der 25%-Perzentile ein niedrigeres kardiovaskuläres Risiko.

 

Als "natürliche" Zunahme der IMT im Rahmen der physiologischen Alterung gilt eine Zunahme von 0,04mm pro 10 Jahre. Größere Steigerungen sind mit einem entsprechend höheren Risiko verbunden.

So führt nach Studienangaben z.B. jede Zunahme der IMT um 0,1mm zu einer Risikosteigerung um 11% für sog. MACE (MACE = major adverse cardiac events: "schwere kardiale Komplikationen").14

Bei Überschreiten der IMT > 1,0mm steigt das MACE-Risiko innerhalb der nächsten 2 Jahre auf das Doppelte14 und der nächsten 4 Jahre auf das Vierfache10. Auch für einen Schlaganfall besteht in den nächsten 4 Jahren ein vierfach erhöhtes Risiko.10

 

klinischer Alltag
Im klinischen Alltag werden häufig vereinfachte Grenzwerte verwendet.4
Alter IMT
< 40. Lebensjahr < 0,6mm
40 - 60. Lebensjahr < 0,8mm
> 60. Lebensjahr < 1,0mm

 

A. carotis communis
verbreiterte IMT mit Plaque
…noch mal eine verbreiterte IMT automatisierte Messung

 

 

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